Panama Papers Die hohe Kunst des Geldversteckens

Weltweit ermitteln Behörden gegen die Kanzlei Mossack Fonseca. Das Resultat: Kunden gehen verloren, Niederlassungen wurden geschlossen. Und doch geht das Geschäft weiter.

Von Frederik Obermaier

Es gab eine Zeit, da kannten nur die eingefleischten Spezialisten den Namen Mossack Fonseca. Er stand für die hohe Kunst des Geldversteckens. Das Geschäft der panamaischen Anwaltskanzlei ist nämlich das Gründen und Verwalten von Briefkastenfirmen, von Geldgefäßen also, so verschachtelt und undurchsichtig, dass selbst gestandene Fahnder und Geldwäscheexperten regelmäßig verzweifeln. Für viele Reiche und Mächtige, Banker und Vermögensberater ist Mossack Fonseca (Mossfon) eine der ersten Anlaufstellen gewesen. Für den Rest der Welt war es nur eine Kanzlei. Mossack Fonseca? Nie gehört.

Dies hat sich mit den Panama Papers geändert: jenem Datenberg, den eine anonyme Quelle der Süddeutschen Zeitung zugespielt hatte. Am 3. April dieses Jahres veröffentlichten weltweit fast 100 Medien, mit denen die SZ das Material geteilt hat, wie Mossack Fonseca unbemerkt von der Öffentlichkeit Reichen und Adeligen, Staats- und Regierungschefs, Mafiosi und sonstigen Kriminellen dabei geholfen hatte, ihr Geld zu verstecken. Plötzlich ist Mossack Fonseca in aller Munde. Es kam zu Massendemonstrationen, der isländische Regierungschef trat zurück, in Deutschland und zahlreichen anderen Ländern wurden Ermittlungen eingeleitet und bis heute vergeht kaum ein Tag ohne eine Panama-Papers-Enthüllung irgendwo auf der Welt.

Mossack Fonseca hat mit dem Leak ausgerechnet das verloren, was die Firma im Innersten ausmachte: absolute Geheimhaltung. Fahnder haben den Stammsitz der Kanzlei durchsucht, zudem Büros in El Salvador und Peru. In Venezuela nahm die Polizei die örtliche Repräsentantin von Mossfon fest. Ihr wird vorgeworfen, Kunden angeworben zu haben, die illegale Gelder investiert haben. In Brasilien beschuldigen die Behörden sechs Mossfon-Mitarbeiter des Betrugs und der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Und dann hat auch noch das Europäische Parlament einen Untersuchungsausschuss eingesetzt.

Illustration: Peter M. Hoffmann

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Damit gerät das bisher zentrale Argument von Mossfon ins Wanken, das nämlich lautete: Was wollt ihr eigentlich? Wir sind in 40 Jahren Arbeit noch nie einer Straftat beschuldigt oder gar angeklagt worden. Vor Veröffentlichung der Panama Papers mag das womöglich gestimmt haben, nun aber laufen in mehreren Ländern Ermittlungen gegen die panamaische Kanzlei. In den USA beispielsweise gehen Fahnder laut einem Bericht des Wall Street Journal dem Verdacht nach, dass Mossfon-Mitarbeiter ihren Kunden bei Straftaten - etwa der Bestechung von Politikern, Steuerhinterziehung und Geldwäsche - behilflich waren. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung sprechen derzeit US- Ermittler gezielt ehemalige und aktuelle Mitarbeiter von Mossack Fonseca an. Offenbar geht es darum, potenzielle Zeugen zu finden. Zeugen für eine Anklage.

Neben Beihilfe zu Steuerhinterziehung und Geldwäsche dürfte für Ermittler das Thema Sanktionen interessant sein. Denn in der Kundenliste von Mossack Fonseca fanden sich laut den Panama Papers sanktionierte Mitglieder von Drogenkartellen aus Mexiko und Guatemala, mutmaßliche Finanziers von Terrororganisationen wie Hisbollah und al-Qaida, Mittelsmänner von Simbabwes Autokrat Robert Mugabe, aber auch Firmen, die wegen ihrer Unterstützung für das iranische und nordkoreanische Atomwaffenprogramm sanktioniert wurden. Und dann wäre da auch noch der Fall Rami Makhlouf - jener Fall, der wie kein anderer zeigt, wie wenig sich Mossfon offenbar um Sanktionen von der EU und den USA scherte. Jener Makhlouf nämlich, der seit mindestens 1998 zu den Kunden von Mossack Fonseca zählte, ist der Cousin von Syriens Herrscher Baschar al-Assad und ein bekannter Finanzier des Regimes. Er ist seit 2008 von den USA sanktioniert. Mossack Fonseca verwaltete laut den Panama Papers dennoch jahrelang ein Geflecht von Firmen, das dem Regime des Machthabers Syriens zuzuordnen ist. Auf Anfrage hat die Kanzlei dazu im Frühjahr erklärt, niemals Sanktionierten erlaubt zu haben, Briefkastenfirmen ihrer Kanzlei zu nutzen - jedenfalls nicht wissentlich.

Es ist eine gewagte Aussage, man könnte sie wohl auch als Lüge bezeichnen. Anfang 2011 nämlich wandte sich ausweislich der Panama-Papers eine Mossfon-Mitarbeiterin schriftlich an die Partner und Geschäftsführer der Kanzlei. Sie fragte, ob man wirklich weiter mit Rami Makhlouf Geschäfte machen und damit die Sanktionen brechen wolle, die seit 2008 gelten. Ein Kanzleipartner wischte alle Bedenken vom Tisch: "Von meiner Seite", schrieb er, könne man Mahklouf als Kunden behalten. Mossfon-Eigentümer waren demnach persönlich in die Entscheidungen eingebunden, Makhlouf zunächst als Kunden zu behalten, obwohl er sanktioniert war - dies könnte ihnen nun womöglich zum Verhängnis werden. Auf Sanktionsbruch stehen in vielen Ländern mehrjährige Haftstrafen. Auf eine aktuelle Anfrage hierzu antwortete Mossack Fonseca nicht.

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Früher verschwanden negative Berichte über die Kanzlei aus dem Internet

Der Kanzlei droht indes auch noch von einer anderen Richtung Ärger: Der Hedge Fonds NML Capital wirft der Kanzlei "Behinderung der Justiz" vor und hat sie verklagt. "Mossack Fonseca hat sich aktiv an der Verschleierung und Vernichtung von Beweismitteln beteiligt", schrieb NML einem Distriktgericht in Nevada. NML Capital hatte nämlich seit 2013 versucht, an Unterlagen von zahlreichen Firmen zu kommen, die Mossack Fonseca verwaltete und hinter denen NML den verstorbenen Präsidenten Néstor Kirchner und seine Frau, die ehemalige Präsidentin Cristina Kirchner vermutete. Da NML in Panama selbst keinerlei Aussichten gehabt hätte, die internen Dokumente einzuklagen, und der Großteil dieser Firmen in Nevada angemeldet wurde, klagte der Fonds in dem US-amerikanischen Bundesstaat. Die Repräsentantin von Mossfon in Nevada hatte darauf erklärt, sie wisse nicht, wofür die Buchstaben M und F im Firmennamen der Nevada-Filiale M. F. Corporate Services (Nevada) stünden. Es war eine so absurde Antwort, dass im Gerichtssaal Gelächter ausbrach. Der deutsche Mossfon-Miteigentümer Jürgen Mossack erklärte 2015 sogar unter Eid, die Firma in Nevada und Mossack Fonseca seien getrennte Unternehmen, es bestehe keine Mutter-Tochter-Beziehung, und Mossack Fonseca habe auch keinen Zugriff auf "interne Angelegenheiten oder tägliche Abläufe".

Keine Mutter-Tochter-Beziehung? Kein Zugriff auf interne Angelegenheiten oder tägliche Abläufe? Laut den Panama-Papieren gehört M. F. Nevada einer Offshore-Firma, die wiederum zu je 45 Prozent Jürgen Mossack und seinem Kanzleipartner gehörte. Und dann wäre auch noch ein Mailwechsel aus dem Herbst 2014: Von der Gefahr einer Durchsuchung des Büros von M. F. Nevada ist darin die Rede. Die Ermittler würden "leicht Beweise dafür finden, dass wir etwas verstecken", schrieb einer der Mossfon-Leute: Wohl die enge Verbindung von Mossack Fonseca Panama zu M. F. Nevada. Offenbar um dies zu vertuschen, wurde den Panama Papers zufolge ein Plan geschmiedet: "Ziel es ist, dass M. F. Nevada nicht mit Mossfon verbunden werden kann." Die einzige Angestellte in Nevada - jene Frau, die vor Gericht behauptete, sie wisse nicht, wofür das M und F in M. F. Nevada stehe - solle sich im Arbeitsalltag verhalten, "als wäre sie eine Vermittlerin". Deswegen bekam sie ein neues Telefon, "sodass der direkte Zugang zum gesamten Mossfon-Adressbuch, den sie hat, nicht gesehen werden kann". Außerdem wurde offenbar ein Experte damit beauftragt, auf dem Computer der Frau alle Spuren zu verwischen, die nach Panama führen. Mossack Fonseca äußerte sich bis Freitag nicht zu der Angelegenheit. Dazu muss man wissen: Sollte ein Gericht zu dem Schluss kommen, dass Jürgen Mossack und die Vertreterin von M. F. Nevada unter Eid die Unwahrheit gesagt haben, drohen beiden bis zu fünf Jahre Haft.

Jahrelang hatte Mossack Fonseca ein Saubermann-Image gepflegt. Kritische Medienberichte wurden stets bestritten, die Spuren davon verschwanden aus dem Internet. Nach den Panama Papers ist das ein Ding der Unmöglichkeit: zu viel wurde berichtet, zu viel mit Originaldokumenten belegt. Wer heute Mossack Fonseca und "Skandal" googelt, bekommt mehr als 300 000 Treffer. Darunter zum Beispiel jene Nachricht über eine Geldstrafe in Höhe von 180 Millionen Dollar, die die oberste Finanzaufsicht des Bundesstaats New York gegen die taiwanesische Mega Bank verhängt hat. Das Geldhaus habe die Anti-Geldwäsche-Gesetze des Staates verletzt, heißt es in einer Mitteilung. Dabei habe womöglich auch Mossack Fonseca eine Rolle gespielt. Die Briefkastenfirmen, die die Kanzlei betreue, seien mutmaßlich dafür da, "um Bank- und Steuergesetze weltweit zu umgehen". Solche Nachrichten sind Gift in einer Branche, die vom Vertrauen ihrer Kunden lebt. Weltweit, so ist aus der Branche zu hören, gehen Mossack Fonseca deswegen Kunden von Bord. Eine Briefkastenfirma, aufgesetzt von Mossack Fonseca? Das lässt spätestens seit den Panama Papers jeden Ermittler aufhorchen.

Wenn plötzlich Tote unterschreiben

Den Dokumenten der Kanzlei Mossack Fonseca zufolge war es ein Treffen der übersinnlichen Art. Am 3. Dezember 2015, so ist es in den Panama Papers nachzulesen, trafen sich um 10.30 Uhr in einem schmucklosen Bürogebäude in Panama-Stadt fünf Männer und Frauen. Sie hießen: Francis Perez, Leticia Montoya, Marta Edghill, Katia Solano und Vianca Scott, allesamt sogenannte Scheindirektoren. Das heißt auf dem Papier sind sie die Chefs von Briefkastenfirmen, in der Realität aber sind sie nichts anderes als Marionetten: Sie unterschreiben, was ihnen von den tatsächlichen Firmeneigentümern, die sich hinter ihnen verstecken, vorgelegt wird und tun, was ihnen aufgetragen wird. Am 3. Dezember 2015 hieß das: neue Aktien für die Briefkastenfirma Desire Overseas S.A. ausstellen. Alltag im Offshore-Geschäft. Und dennoch, ist bei diesem Treffen etwas besonders: Vianca Scott nämlich, jene Scheindirektorin, die laut Papieren der Kanzlei Mossack Fonseca an dem Direktorentreffen der Desire Overseas S.A. teilgenommen haben soll, kann in Wirklichkeit gar nicht dabei gewesen sein. Sie war längst tot. Laut Todesurkunde starb die Frau, die zu Spitzenzeiten allein in Panama Direktorin von 4948 Firmen war, am 2. September 2005 um 11.30 Uhr. Trotzdem vermerkt Mossack Fonseca, dass sie Jahre später an dem Treffen der Desire-Overseas-Chefs teilgenommen habe, trotzdem führt Mossack Fonseca sie laut den Panama Papers jahrelang weiterhin als Direktorin von unzähligen Briefkastenfirmen. Am 5. August 2008 wurde Vianca Scott zum Beispiel zur Sekretärin der Briefkastenfirma Conner Pacific Ltd.gewählt. Als solche, so steht es in den Unterlagen von Mossack Fonseca, hat sie anschließend das Sitzungsprotokoll verfasst und sogar mit der eigenen Unterschrift bestätigt. Wie das gehen soll, drei Jahre nach ihrem Tod? Dazu äußerte sich Mossack Fonseca auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung zum Freitag nicht. Mauritius Much

So trafen sich im Mai Steuerexperten aus mehr als 30 Ländern in Paris, um das weitere Vorgehen in Sachen Panama Papers zu besprechen. Die sogenannte Joint International Taskforce on Shared Intelligence and Collaboration tauschte sich darüber aus, welches Land wie mit den Panama-Papers-Berichten umgeht. In Mexiko etwa ermitteln die Steuerbehörden laut Medienberichten derzeit im Fall von 329 Firmen und Personen, die in den Panama-Papieren auftauchen. In Kolumbien sind es gar 1200 Firmen. In Australien laufen Ermittlungen gegen rund 1000 Männer und Frauen, die in den Panama Papers auftauchen, erst diese Woche wurden 14 Wohnungen und Häuser in Queensland und Victoria durchsucht. Auch die Behörden in Kopenhagen versuchen nach eigenen Angaben, an Daten über dänische Kunden von Mossack Fonseca zu kommen. Und in Pakistan, wo die Panama Papers bis heute einen öffentlichen Schlagabtausch zwischen Regierung und Opposition anfeuern, verschickten die Steuerbehörden jüngst Schreiben an die über 6000 Pakistaner, die namentlich in den Panama-Papieren auftauchen. Laut einem Bericht der Express Tribune erhielt auch die Tochter des pakistanischen Premiers einen Brief - sie ist in den Dokumenten des Leaks auch genannt. In Luxemburg - selbst eine Steueroase - schrieb die Steuerverwaltung laut einem Bericht des Luxemburger Worts an Anwaltskanzleien und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die als Vermittler in den Panama Papers auftauchten.

In Deutschland ermittelt die Bankenaufsicht. In den Papieren tauchen 28 Geldhäuser auf

Und in Deutschland? Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel erklärte nach den ersten Panama-Papers-Veröffentlichungen in einer Sitzung des Ausschusses für Wirtschaft "seine Sprachlosigkeit", wie aus einem Protokoll hervorgeht, das der SZ vorliegt. Eine Sondereinheit der nordrhein-westfälischen Finanzverwaltung hat die im Internet veröffentlichten Daten zu den Panama Papers zentral ausgewertet und anderen Bundesländern zur Verfügung gestellt. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Finanzministeriums handele es sich um Informationen zu knapp 400 Offshore-Firmen, die von Mossack Fonseca gegründet oder verwaltet wurden. Mittlerweile haben die Steuerbehörden mehrerer Bundesländer Ermittlungen aufgenommen. Allein in Hessen werden nach Auskunft des dortigen Finanzministeriums 75 Datensätze "auf ihre steuerliche Relevanz" geprüft. Das Finanzministerium in Niedersachsen sandte 29 sogenannte Kontrollmitteilungen an die Finanzämter. Und auch die Bankenaufsicht Bafin interessiert sich für das Leak - schließlich tauchen darin 28 Geldhäuser aus Deutschland auf.

Mossack Fonseca hat indes mehrere Filialen - darunter jene auf Jersey, der Isle of Man und in Gibraltar - geschlossen oder ist gerade dabei dies zu tun. In Nevada trat die Kanzlei als sogenannter Registered Agent sämtlicher in Nevada registrierten und noch aktiven Firmen zurück. In Neuseeland wurde die örtliche Mossack-Fonseca-Niederlassung aus dem Handelsregister gestrichen. Und dennoch zeigt ein Blick auf die Homepage von Mossack Fonseca: Das Geschäft mit den Briefkastenfirmen läuft weiter.