Panama Papers Das große Beben

Zwei Jahre nach der Veröffentlichung der Panama Papers steht fest: Nur selten hatte ein investigatives journalistisches Projekt so weitreichende Folgen weltweit.

Von Bastian Obermayer und Frederik Obermaier

Eine Berliner Demonstrantin fordert mehr Transparenz im Finanzsystem.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Am Tag vor den Veröffentlichungen der Panama Papers, am 3. April 2016, waren die rund 400 Reporter weltweit in nervöser Erwartung. Sie hatten mehr als ein Jahr an dem Großprojekt gesessen, sie hatten Hunderte Geschichten aufgetan, sie recherchiert, die Fakten drei-, vier- und fünfmal überprüft und ihre Texte, Film- oder Radiobeiträge angefertigt. Alles war bereit - auch in der Redaktion der SZ, bei der der anonyme Informant "John Doe" die 11,5 Millionen Dokumente abgeliefert hatte - mit geheimen Informationen über mehr als 200 000 zuvor meist anonyme Briefkastenfirmen. Die große Frage, die damals über allem schwebte, lautete: Was würde passieren? Würde überhaupt etwas passieren?

Zwei Jahre später kann man festhalten, dass wohl nur selten ein investigatives Projekt dermaßen weitreichende und über den Globus verteilte Folgen hatte. Schon direkt nach den ersten Veröffentlichungen gab es Massendemonstrationen in Island, Malta, Argentinien, England und in weiteren Ländern. In Island protestierten 30 000 Menschen vor dem Parlament gegen ihren Premierminister Sigmundur Gunnlaugsson und dessen Briefkastenfirma - und der isländische Premier war auch einer der Ersten, der wegen der Panama Papers sein Amt niederlegen mussten. Es folgten weitere Minister, ein FIFA-Offizieller und mehr ein Jahr später auch noch der pakistanische Premierminister Navaz Sharif. Er wurde vom höchsten Gericht des Landes nach einer Untersuchung der Verstrickung seiner Familie in die Panama Papers des Amtes enthoben.

Tatsächlich lassen sich die Folgen der Investigation auf mehreren Ebene beobachten. Am klarsten stechen direkte Folgen auf personeller Ebene ins Auge: Menschen treten zurück, andere werden gefeuert. Aber auch diese Folgen passieren oft nicht auf der Schnelle. Sondern erst nach einiger Zeit, wie etwa der Amtsenthebung Sharifs. Ähnlich verhielt es sich mit Mossack Fonseca, der panamaischen Kanzlei im Zentrum der Panama Papers. Auch Mossack Fonseca machte weiter nach den Veröffentlichungen, musste aber immer mehr ihrer damals 48 Filialen weltweit schließen, bis die Kanzlei schließlich im März 2018 ankündigte, zum 1. April 2018 das Geschäft einzustellen. Mossack Fonseca bezog sich dabei selbst auf die Panama Papers, und den dadurch entstandenen "irreparablen Reputationsschaden". Auf einer höheren Ebene könnte man Folgen ansiedeln, die durch Exekutivorgane entstanden: etwa die vielen Hundert Untersuchungen, Durchsuchungen, Verhaftungen und Beschlagnahmen von Geld.

Nach Recherchen des Internationalen Konsortiums für Investigativjournalisten (ICIJ) in Washington konnten Finanzbehörden aus zwölf Ländern bis Jahresende 2018, vorsichtig geschätzt, 500 Millionen Dollar zurückholen, die durch die Panama Papers vor ihrem Zugriff verborgen geblieben waren. Auch das: eine Folge der Recherche. Ähnliches gilt für Millionenstrafen für zahlreiche Banken weltweit, auch in Deutschland und zuletzt Österreich.

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Inzwischen haben Behörden weltweit zudem die Möglichkeit, über das Bundeskriminalamt (BKA) Einblick in die Dokumente der Panama Papers zu erhalten. Das BKA hat die Daten, deren Herausgabe die SZ stets verweigert hat, nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr aus unbekannt gebliebener Quelle angekauft. Bis heute haben sich, so das BKA, 18 Staaten mit konkreten Auskunftsgesuchen zu den Panama Papers an die Behörde gewandt.

Die höchste Ebene, auf der sich die Auswirkungen der Panama Papers nachzeichnen lassen, ist die der Gesetzgebung. In zahlreichen Ländern, auch in Deutschland, wurden, mit Hinblick auf das durch die Panama Papers zutage Geförderte, die Gesetze verschärft. Auch die neuen Regelungen seien längst noch nicht streng genug, sagte zwar etwa Sven Giegold, Europa-Abgeordneter der Grünen, dem NDR. Aber die Panama Papers hätten tatsächlich "eine Epochenwende im Kampf gegen Schattenfinanzplätze" eingeleitet.