Neue Stromtrassen Korridore des Zorns

Netzausbau Wo neue Stromleitungen gebaut werden

Stromkorridore in Deutschland

Der Strom muss aus dem Norden in den Süden. Um die ganze neue Windenergie zu verteilen, müssen riesige Stromtrassen gebaut werden. Doch niemand will die neuen Hochspannungsmasten vor seiner Haustüre. Der Widerstand formiert sich.

Von Michael Bauchmüller

Die größte Sorge der Kleingärtner in Tackheide ist derzeit ohne Zweifel die Nummer 17. Mitten in der Kleingartenkolonie bei Krefeld soll Stahlgittermast Nummer 17 errichtet werden, ein Strommast mit Höchstspannung. Er ist ein kleiner Teil des großen Ganzen: einer Leitung vom Niederrhein nach Koblenz, die wiederum Teil einer größeren Verbindung von Nord- nach Süddeutschland ist. Sie soll Windstrom aus Niedersachsen abtransportieren, sehr zum Leidwesen der Kleingärtner. Einige von ihnen, sagt Vereinschef Dieter Lundström, hätten Herzschrittmacher. "Viele wollen aufgeben." Jedenfalls, wenn sich die Leitung nicht mehr stoppen lässt. Auch die Stadt Krefeld revoltiert.

Es ist eine von vielen Geschichten aus dem weiten Reich der Energiewende - neue Netze sollen her, doch irgendwo streifen sie stets eine Umgebung, die irgendwer lieb gewonnen hat. Und der Ausbau geht erst richtig los - wie die Pläne belegen, die am Montag die Bundesnetzagentur in Berlin vorgelegt hat. Denn wenn der schwarz-gelbe Atomausstieg der große Aufbruch war, dann ist der Bau neuer Leitungen so etwas wie das Vehikel für den Zukunftstrip.

Wer wissen will, wie beides zusammenhängt, der muss sich nur einmal die größten Trassen anschauen, die nach Plänen der Netzagentur in zehn Jahren Deutschland durchziehen sollen. Von Emden aus etwa 660 Kilometer südwärts nach Philippsburg, wo der EnBW-Konzern noch bis 2019 ein Atomkraftwerk betreiben will. "Wenn Philippsburg vom Netz geht, muss diese Leitung laufen", heißt es beim Bauherrn Amprion. "Und das ist auch machbar."

Oder aber von Wilster bei Itzehoe 600 Kilometer hinunter nach Grafenrheinfeld. Dort muss Eon schon 2015 ein weiteres AKW dichtmachen. So gelangt Windstrom von der See dorthin, wo früher atomare Brennstäbe Wasser erhitzten - und zwar per "Hochspannungsgleichstromübertragung", mit Stromautobahnen bislang unbekannten Ausmaßes. "Das ist eine Herkulesaufgabe", sagt Jochen Homann, der Chef der Bundesnetzagentur. "Aber wir sind überzeugt, dass wir so den Windstrom in die Verbrauchszentren im Süden und Südwesten transportieren können." Und das zunächst sogar mit weniger Leitungen, als eigentlich veranschlagt war.

Der Strom muss von Norden nach Süden

Ursprünglich hatten die Netzbetreiber, die in vier abgegrenzten Sektoren das deutsche Hoch- und Höchstspannungsnetz bewirtschaften, mehr als 70 Leitungsprojekte gemeldet, die sie für nötig hielten. Nach mehreren Monaten voller Konsultationen und Befragungen sind davon 49 Leitungen und zwei Seekabel übrig geblieben, alle zu errichten bis spätestens 2022 - jenem Jahr, in dem auch die letzten deutschen Reaktoren vom Netz gehen sollen.

Grob gerechnet 2800 Kilometer neuer Stromleitungen müssten demnach in den nächsten Jahren errichtet werden, der Großteil davon in Gleichstromtechnik. Auf weiteren 2800 Kilometern werden bestehende Leitungen aufgerüstet - immer mit dem gleichen Ziel: Der Strom muss aus dem Norden weg. Denn während allein in der Nordsee in den nächsten zehn Jahren Windparks mit einer Leistung von sechs Atomkraftwerken ans Netz gehen sollen, werden in Süddeutschland im selben Zeitraum sechs Reaktoren stillgelegt.

Experten halten den Ausbau der Stromnetze für die günstigste Möglichkeit, mit den stark schwankenden Mengen an Wind- und Sonnenstrom zurechtzukommen. "Schwankungen in Erzeugung und Nachfrage werden so über große Distanzen ausgeglichen", wirbt etwa der Berliner Thinktank Agora Energiewende. Je größer das Netz - auch grenzüberschreitend -, desto leichter könne der Strom dorthin fließen, wo er gerade gebraucht wird.