Nahaufnahme Er ist anders

Er hat im Schnellrestaurant gearbeitet und kommt nicht aus einer traditionellen Industriefirma: Dieter Kempf könnte den BDI mehr verändern, als viele denken.

Von Michael Bauchmüller

Ganz am Schluss seines ersten großen Auftritts steht da plötzlich eine kleine Falle. Welche Schulnote, will eine Journalistin wissen, würde Dieter Kempf, denn der amtierenden Regierungskoalition erteilen? "Bitte ersparen Sie mir diese Frage", ruft Kempf aus. 13 Jahre lang habe er unter Schulnoten gelitten, und immer habe er sich gefragt, ob es bei seinen Noten ganz objektiv zugehe. "Ich fürchte, mancher Lehrer könnte sich daran erinnern, wenn ich jetzt selbst welche erteile", sagt Kempf, der neue Chef des größten deutschen Industrieverbands BDI. Mal abgesehen davon, dass sich schon mancher vor ihm über leichtfertig verteilte Schulnoten später geärgert hat - eine mäßige Schulkarriere hat unter den edlen Vorgängern Kempfs noch keiner so freiherzig offengelegt. Es ist ein weiteres Indiz für die Vermutung: Dieser BDI-Chef ist anders.

Vieles in seiner Vita spricht dafür. Nicht nur, dass er mal in einem Schnellrestaurant gejobbt hat, dass er sich dort zum Filialleiter hochgearbeitet hat. Anders als sein Vorgänger Ulrich Grillo entstammt er auch keiner Unternehmerfamilie, und ein klassisches Unternehmen der deutschen Industrie führte er auch nicht. Stattdessen saß Kempf ein Vierteljahrhundert im Vorstand der Nürnberger Software-Genossenschaft Datev, davon 20 Jahre als Chef. Das Unternehmen ist in der Hand von Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern und entwickelt für sie Software. Als Kempf sich dort im vorigen Jahr verabschiedete, spendierte er seinen Mitarbeitern noch flott eine Gitarren-Einlage; schließlich spielt er gelegentlich in einer Band. Auch auf Motorräder steht er. Nichts davon entspricht dem Klischee des Industrielobbyisten.

Was aber wird er aus dem Amt machen? Er wolle, sagt er am Dienstag, seinem 64. Geburtstag, Wirtschaft besser erklären, Vorbehalte gegen die Industrie aufnehmen und zerstreuen. Nach einem Jahr, in dem der Protest gegen Freihandelsabkommen wie TTIP und Ceta Zehntausende auf die Straße trieb, klingt das geradezu verwegen. Allerdings hat er aus dem heimischen Wohnzimmer ein Beispiel, wie es vielleicht funktionieren kann. Es klinge vielleicht etwas banal, sagt Kempf: "Wenn meine Partnerin daheim sagt, ich friere, und ich dann mit Blick auf das Thermometer sage, es sind aber doch 22 Grad - dann haben wir beide recht." Nur sei einer Frierenden mit der korrekten Feststellung der Temperatur eben nicht geholfen. "Wir müssen Ängste und Nöte verstehen", sagt Kempf.

Im Hintergrund arbeitet sein neues Team schon fieberhaft daran, den neuen Ansatz in konkrete Politik umzumünzen. Denn so gut die Worte klingen mögen: Der BDI bleibt einer der kompliziertesten deutschen Verbände, mit vielen Teilverbänden, die mitunter ganz andere Ziele verfolgen. Zumindest damit hat Kempf selber reichlich Erfahrungen, schließlich leitete er vier Jahre lang einen dieser Verbände, den Digital-Verband Bitkom.

Das wiederum hat einigen Einfluss auf seine Agenda, wie keiner seiner Vorgänger entstammt Kempf der Welt des Internets. Lang und breit lässt er sich über die Cybersicherheit aus ("Da haben Sie mein Leib- und Magenthema erweckt"), räsoniert über die jüngsten, angeblich russischen Angriffe auf amerikanische Datennetze ("So was kann der Hacker um die Ecke nicht") und ahnt schon jetzt die nächsten Engpässe beim Breitbandausbau ("50 Megabit ist höchstens ein Etappenziel").

Und noch eins bringt er mit: eine tief empfundene Abneigung gegen neue Gesetze. Zwar lebte seine Datev immer auch ein Stück vom Steuerdschungel, der per Software zu lichten ist. Doch bis heute ist ihm das verhasst. Auch staatliche Umverteilung ist ihm nicht geheuer. Und das hat er dann doch mit seinen Vorgängern gemeinsam.