Nahaufnahme Der Einwanderer

Australiens Finanzminister kommt aus Belgien. Jetzt holt er die größte Netzwerk-Veranstaltung der deutschen, australischen und asiatischen Wirtschaft in seine neue Heimat.

Von Michael Kuntz

Perth? Dorthin gibt es von Europa aus nicht einmal Direktflüge. Also: Warum eigentlich Perth? Nun: Mathias Cormann, 47, hat sich durchgesetzt. Der Mann, der aus dem deutschsprachigen Belgien stammt, ist australischer Finanzminister. Und, nicht weniger wichtig in diesem Zusammenhang: Er hat an der australischen Westküste in der Großstadt mit bald zwei Millionen Einwohnern seine neue Heimat gefunden - beruflich, politisch und privat.

Auf seinem Weg in das Amt des australischen Finanzministers legte der Belgier eine wahrscheinlich ziemlich einmalige Karriere hin. Cormann reiste mit 23 Jahren zum ersten Mal nach Australien, um eine junge Frau aus Perth wiederzusehen, die er beim Sprachenstudium in England getroffen hatte. Die ersten zwei Jahrzehnte seines Lebens hatte er zwar deutsch, französisch und flämisch gesprochen, aber kein Wort Englisch. Die Wiedersehensfreude hielt sich in Grenzen, doch die Stadt im Westen von Australien habe ihn damals "hypnotisiert", sagte er später einmal. "Perth war einfach toll und das ist es für mich noch heute." Er kehrte noch mal für sein Jurastudium nach Leuwen zurück und wanderte zwei Jahre später endgültig nach Australien aus, nach Perth.

Nun also bringt Cormann die bisher größte Netzwerk-Veranstaltung der deutschen, australischen und asiatischen Wirtschaft nach Perth. Rund tausend einflussreiche Teilnehmer werden zur Asia-Pacific Regional Conference erwartet. Zugesagt haben der australische Premierminister Malcolm Turnbull und der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Zu den Rednern zählen Andrew Mackenzie, der Chef von BHP, einem der größten Bergbaukonzerne weltweit und Hubert Lienhard, Top-Manager beim Maschinenbauer Voith und Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. Die Konferenz in Perth Anfang November soll in diesem Jahr die zentrale Wirtschaftskonferenz für Südostasien werden.

Cormann ist Senator für Westaustralien, eine Region, die gut vom Bergbau lebte, weil hier Bodenschätze aller Art vorkommen. Gefördert werden Kohle, Erze, auch Edelmetalle, darunter Uran. Die starke Nachfrage nach Eisenerz aus China und Indien bescherte der Region einen wirtschaftlichen Boom, von dem auch deutsche Unternehmen profitierten, vor allem die Maschinenbauer und die Autohersteller. In ganz Australien herrschte 25 Jahre ein ungebremstes Wachstum. Schon früh hatte das Land ein Freihandelsabkommen mit China geschlossen. Der Boom ist gerade etwas abgeflacht, nun beruhen die Hoffnungen unter anderem auf einer engeren Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Australien. Ein Doppelbesteuerungsabkommen soll dabei helfen, es trat gerade in Kraft. Cormann strebt langfristig ein Freihandelsabkommen auch mit der Europäischen Union an. Er sieht sein Land als eine Art Sprungbrett in die Region Asien-Pazifik, so wie Australien für ihn einst ein Sprungbrett war.

Dabei war das Auswandern für Cormann nicht ohne Tücken, das belgische Jurastudium wurde in Australien nicht anerkannt, und nach mehreren Hundert Bewerbungsschreiben ergaben sich nur gelegentliche Jobs als Gärtner. Dann machte Cormann noch einmal, was schon in Europa funktioniert hatte: Er bewarb sich bei einem Abgeordneten als Assistent.

So schlug der konservative Katholik und einstige Messdiener eine eigene politische Laufbahn ein, die in Australien einmalig ist. Er gilt als Hoffnungsträger für das ganze Land. Die Tageszeitung Sydney Morning Herald zitierte einmal einen Elder Statesman, für den es keine Überraschung wäre, wenn Cormann der erste deutsch sprechende Premierminister Australiens werden würde.