Musik bei Telefon-Hotlines Dieter Bohlen der Warteschleife

Free Jazz in der Hotline eines Stahlkonzerns? Stefan Ladage rät ab. Der Komponist von Musik für Warteschleifen muss es wissen: Wenn man irgendwo in einer solchen hängt, hört man wahrscheinlich seinen Sound. Nur sicher nicht "Für Elise".

Von Varinia Bernau

Stefan Ladage war lange genug als Entertainer unterwegs. Auf Hochzeiten, Betriebsfeiern, Stadtfesten. Und natürlich kann man da, wenn man für gute Stimmung sorgen soll, nicht mit der Triangel kommen und Beethovens "Für Elise" anstimmen. Bei einer Warteschleife, sagt Stefan Ladage, sei das ganz genauso.

Ladage, 45, ist der Dieter Bohlen der Warteschleife. Er selbst versteht das wohlgemerkt als Kompliment. Pro Jahr produziert er mit seinem 35-Mann-Unternehmen im westfälischen Herford etwa 24.000 Telefonspots. Wenn man irgendwo in der Hotline hängt, ob bei der Anwaltskanzlei, der Arztpraxis oder dem Autoverkäufer, dann hört man mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent eines von Ladages Liedern. Lieder, die kein "nerviges Gedudel aus der Mozart-Schublade" sein sollen.

Immerhin muss dieses nervige Gedudel von diesem Samstag an kostenlos sein. Der Gesetzgeber will der Abzocke in den Hotlines ein Ende machen: Telefonische Beratungen dürfen nur noch zum Ortstarif angeboten werden - oder zu einem zuvor benannten Festpreis. Ladage hat noch nie etwas für die 0900-Nummern komponiert, weil solch ein Anbieter nie bei ihm angefragt hat. Bei ihm melden sich eher jene, die ihren Kunden selbst dann, wenn sie sie noch warten lassen, schon mal signalisieren wollen, mit wem sie es zu tun haben.

Neulich meinte ein Kunde: Wenn Sie so etwas wie den Air-Berlin-Song hinkriegen, haben Sie den Auftrag. Kein Problem, hat Ladage da entgegnet, den habe ich ohnehin produziert. Die Warteschleifenmusik der Fluggesellschaft, die es sogar in die Hitparade schaffte, ist sein bekanntestes Stück. Mit Synthesizer und Gute-Laune-Reim: "Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin/ kein Sturm hält sie auf, unsere Air Berlin/ Die Nase im Wind, den Kunden im Sinn/ und ein Lächeln stets mit drin."

Als ein Stahlunternehmen einmal Free Jazz für die Warteschleife wollte, hat Ladage abgeraten. Viel zu anstrengend. Beim Baumarkt muss es eher volksmusikmäßig sein, sagt der Jingle-Jockey, beim Friseur etwas flotter. Und bei großen Unternehmen muss er für den kulturellen Feinschliff für Filialen im Ausland sorgen. Der Zigarrenhersteller Dammann etwa wollte die Ansagen in jedem einzelnen Land von Muttersprachlern mit brasilianischem Akzent. "Da war ich schon froh, dass die keine Hotline in China haben."

Ladage hat selbst Musik studiert. Er hat die deutschen Meisterschaften in der Kategorie Poporgel mit lateinamerikanischen Rhythmen gewonnen. Und seine Produktionen standen, Anfang der Neunzigerjahre, auch schon mal in den Top 10 der Dancecharts. "Natürlich wollte ich damals Hits für die Hörer machen, heute mache ich eben Hits für den Telefonhörer", sagt er. Dass es so gekommen ist, liegt an einem Lokalreporter: Dem erzählte Ladage, der damals vor allem Musiker für Veranstaltungen vermittelte, nebenbei, dass ihn ein Unternehmer gebeten habe, eine Melodie für seine Warteschleife zu komponieren. Ein kleiner kurioser Auftrag war das. Mehr nicht. In der Zeitung stand dann, dass in Bielefeld die erste Songfabrik für Warteschleifen stehe. In wenigen Wochen kamen Hunderte Anfragen. Und seit Ladage mit der Telekom kooperiert, die die meisten Telefonanlagen in Deutschland einrichtet, läuft es ohnehin ganz gut.

Ein einfacher Jingle ist bei ihm schon für 19 Euro zu haben. Aber wenn es etwas Besonderes sein soll, wie etwa bei Air Berlin, dann fällt ein sechsstelliger Betrag an. Für Aufwendiges arbeitet er auch mit freien Künstlern zusammen - und fragt schon mal beim echten Dieter Bohlen an, ob eine der Siegerinnen von "Deutschland sucht den Superstar" nicht ein Warteschleifenlied einsingen könnte.