Millionen-Investment in Rap-Website Yo, was hat er gesagt?

Im Jahr 2006 war der Rapper 50 Cent noch erfolgreicher und war viel unterwegs. Heute nimmt er sich Zeit, um Hip-Hop-Fans auf Rapgenius.com seine Texte zu erklären.

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Marc Andreessen hat den ersten Browser für die Massen gebastelt und gilt als einer der cleversten Start-up-Investoren. Jetzt steckt er 15 Millionen Dollar in eine Website, deren Chef halbnackt Videos dreht. Dort versuchen Besessene, den tieferen Sinn von Gangster-Rap und "Gangnam-Style" zu ergründen. Die Nischenseite soll das ganze Netz verändern.

Von Jannis Brühl

Mit Schimpfwörtern will Marc Andreessen eine 20 Jahre alte Vision doch noch verwirklichen. Der US-Internetpionier hat mit seiner Investmentfirma Andreessen Horowitz 15 Millionen Dollar in die Internetplattform Rapgenius.com gesteckt. Eine Web-Seite also, auf der kaum ein Text ohne Ausdrücke wie "Motherfucker" oder "Bitch" auskommt. Mehr als eine Million Hobby-Literaturwissenschaftler zieht sie monatlich an. Sie kommen, um Liedtexte von Rap-Musikern zu analysieren. Was will Andreessen Horowitz mit einem Start-up, einer der profiliertesten Tech-Investoren? Dessen 29-jähriger Mitgründer, der ehemalige Yale-Student Mahbod Moghadam, gerne mit nacktem Oberkörper eigene Rap-Texte in die Kamera schreit und das Video dann ins Netz stellt?

Der Deal wirkt auf den ersten Blick, als fröne mal wieder ein Start-up-Millionär persönlicher Exzentrik: Andreessens Investor-Partner Ben Horowitz, ein 46-jähriger Brite mit Halbglatze, ist Rap-Fan. Einträge auf seinem Management-Blog beginnt er mit Zitaten einschlägiger Künstler. Doch es ist Andreessen, der in einem Eintrag auf Rapgenius erklärt, warum er vom Konzept der Seite überzeugt ist, und zwar nicht aus Liebe zur Musik. Persönlich halte er Rap für "so verständlich wie altes Mesopotamisch". Dennoch pumpe er Geld in die Seite - um eine Nachlässigkeit aus den Neunzigern wiedergutzumachen.

Der heute 42-Jährige programmierte vor 20 Jahren den Netscape-Navigator, einen der ersten weit verbreiteten Browser. Es war eine Art Kompass für das damals neue Medium Internet. Der Netscape-Börsengang machte ihn 1995 reich, er posierte barfuß auf dem Cover des Magazins Time und wurde zum Wunderkind erklärt. Nur eine seiner Lieblingsideen schaffte es nicht in die Endversion der Browser, weil keine Zeit mehr war, genug Speicherkapazität aufzubauen: ein System, mit dem Nutzer zu jedem Text im Netz eigene Informationen hinzufügen können. Diese Revolution glaubt Andreessen nun doch noch starten zu können - mit Hilfe des Know-how von Rapgenius.

Die Seite funktioniert wie eine Enzyklopädie von Liedtexten, in die jeder Randnotizen eintragen kann. In ungewohntem Weiß auf schwarzem Grund reiht sich Strophe an Strophe. Ein Klick auf eine markierte Zeile öffnet ein Fenster, in dem Mitglieder der Community die Textstelle erklären, diskutieren oder mit Bildern und Videos ergänzen.

Die afroamerikanische Straßenmusik und ihre Hip-Hop-Kultur beeinflussen maßgeblich Mode, Design und Popmusik der vergangenen 20 Jahre, Rap ist die massentauglichste Form von Lyrik im 21. Jahrhundert. Die Künstler erzählen halbautobiographische Geschichten von der Straße: Gewalt, Drogen, käuflicher Sex - Scorsese-Filme in 16 Takten. Allerdings verstehen selbst versierte Hörer nicht alles, was ihre Idole da von sich geben. Denn die Anspielungen, Assoziationsketten und Metaphern des Rap, vorgetragen im Straßenslang von New York, Kapstadt oder Kreuzberg, verstehen selbst versierte Hörer nicht immer. Auf Rapgenius helfen sie sich gegenseitig.

Die Finanzmanager Marc Andreessen (l) und Ben Horowitz wagen eine ungewöhnliche Investition.

(Foto: REUTERS)

Traum vom "Intenet-Talmud"

Andreessen inspiriert das, er hat eine Vision: ein Netz, in dem jede Seite mit Schichten von Anmerkungen und Debatten überzogen ist und dadurch inhaltlich an Tiefe gewinnt. Wenig bescheiden spricht er in Anspielung auf die Sammlung religiöser Interpretationen des Judentums von einem "Internet-Talmud". Das klingt alles mindestens mutig. Die beiden Risikokapitalgeber wurden schon einmal belächelt: Vor drei Jahren investierten sie 50 Millionen Dollar in Skype. Im Mai 2011 kaufte der Softwarekonzern Microsoft den Dienst für 8,5 Milliarden Dollar. Zahltag für Andreessen Horowitz. Heute halten die beiden unter anderem Anteile an dem Kurznachrichtendienst Twitter und dem Ortungsdienst Foursquare. Nun probieren sie es also mit Rap.

Auf Rapgenius lernen Besucher etwa, was Jay-Z, der erfolgreichste Hip-Hopper, meint, wenn er rappt: "Plead the fifth when it comes to the fam." So versichert er (angeblich) kriminellen Kollegen, dass er vor Gericht lieber die Aussage verweigere, als sie zu verraten. Wirklich Besessene auf der Suche nach Popkultur-Referenzen finden im Klassiker "No sleep till Brooklyn" der Beastie Boys den Hintergrund der Zeile "never ever false metal": Mit der machen sich die New Yorker über die Heavy-Metal-Band Manowar lustig, die dem "falschen Metal" gern pathetisch die Feindschaft erklärte.

Das Besondere an der Rapgenius-Gemeinschaft: Nicht nur Fans, auch viele Künstler erklären die eigenen Texte. Mehr als hundert Rapper haben sich registriert, darunter Plattenmillionäre wie 50 Cent. Auch der Berliner Sido ist dabei. Trotzdem hat die Seite Gegner in der Elite der Hip-Hop-Blogger. Deren Vorwurf: Da wollten mal wieder weiße Absolventen von Elite-Unis am kulturellen Erbe der Schwarzen mitverdienen. Mittlerweile streiten Nutzer auch über die Bedeutung der kryptischen Texte von Bob Dylan und ergründen die tiefere Wahrheit von "Gangnam Style", dem Hit des koreanischen Popstars Psy.

Auch mit Dylan verdienen die Rapgenius-Gründer erst einmal allerdings kein Geld. Mit Andreessens Millionen wollen sie ihr Konzept nun von Straßentexten auf Dienstleistungen für Universitäten übertragen. Auf Poetrybrain.com sollen Literaturwissenschaftler klassische Werke besprechen. Vor allem träumt Moghadam davon, "die Web-2.0-Version von Westlaw und Nexis zu werden" - der beiden großen Anbieter kostenpflichtiger Online-Datenbanken für Jurastudenten. Wenn er das schafft, dürfte ihm Andreessen sogar seine halbnackten Videoauftritte verzeihen.