Mietwohnungen Bitte keinen neuen Balkon!

2016 bekommen einige Mieter wohl einen neuen Balkon - ob sie wollen, oder nicht.

(Foto: Florian Peljak)
  • Wenn ein Eigentümer seine Wohnung umfassend modernisiert, darf er danach die jährliche Miete um elf Prozent der Modernisierungskosten erhöhen.
  • Große Wohnungskonzerne planen deshalb für 2016 im großen Stil neue Balkone, sparsame Heizungen oder besser gedämmte Fassaden.
  • Die Mieter selbst haben kaum eine Chance, sich gegen die anstehenden Modernisierungen zu wehren.
Von Benedikt Müller

Dass man in ihrer Wohnung das ein oder andere modernisieren kann, das war Familie Rath klar: Ihr Bad aus den Siebzigerjahren besitzt weder Fenster noch Lüftung, auch das Laminat im Rest der Wohnung hat die besten Jahre hinter sich. Deshalb wunderte sich Martin Rath nicht, als sein Vermieter eine Modernisierung ankündigte. "Überrascht hat mich nur, was der Eigentümer machen wollte", sagt Rath.

Im Bad sollte alles beim Alten bleiben, stattdessen würde die Münchner Familie bodentiefe Fenster und einen Balkon bekommen, zudem einen Aufzug im Treppenhaus. "Uns hätte das nicht viel gebracht", sagt der Familienvater. Nur hätte er nach dem Umbau statt 1000 Euro pro Monat über 1300 Euro Miete zahlen müssen. Rath glaubt: "Der Vermieter hat nur das in Angriff genommen, was sich auf den Mieter umlegen lässt."

Nach Modernisierungen droht häufig eine Mieterhöhung

Wenn der Eigentümer eine Wohnung umfassend modernisiert, darf er danach die jährliche Miete erhöhen - und zwar um elf Prozent der Modernisierungskosten. Zwar hat Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) vorgeschlagen, diesen Satz auf acht Prozent zu senken. Doch das ist noch längst nicht beschlossen. Deshalb wollen die großen privaten Vermieter im Jahr 2016 noch mal deutlich mehr Geld für neue Balkone, sparsame Heizungen oder die Dämmung von Fassaden ausgeben. Beispielsweise plant Deutschlands größter Wohnungskonzern Vonovia, die Investitionen in Modernisierungen um 38 Prozent auszuweiten. Viele Maßnahmen senken den Energiebedarf, führen aber zu weiter steigenden Mieten in Ballungszentren.

Höher als gedacht

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Pro Quadratmeter Wohnfläche geben die größten Wohnungskonzerne heute fast drei Mal so viel Geld für Modernisierungen aus wie noch 2009, hat die Ratingagentur Scope ausgerechnet. Genossenschaftliche und kommunale Wohnungsunternehmen haben ihre Investitionen nicht so stark ausgeweitet. Wegen der hohen Nachfrage nach Wohnungen können die Firmen in vielen Städten höhere Mieten durchsetzen. Gleichzeitig lassen sich Modernisierungen so günstig finanzieren wie nie zuvor - dank niedriger Zinsen und staatlicher Förderung.

Viele Bewohner können sich ihr Heim nach der Sanierung nicht mehr leisten

Der Umbau-Boom stellt die Wirksamkeit der Mietpreisbremse infrage. Seit Juni dürfen Eigentümer die Mieten in vielen angespannten Wohnungsmärkten nur auf ein gewisses ortsübliches Niveau anheben. Doch diese Preisbremse greift nach umfassenden Modernisierungen nicht. Dadurch haben Eigentümer einen noch größeren Anreiz, umzubauen, sagt Analyst Philipp Wass von Scope Ratings: "Die Mietpreisbremse führt aus unserer Sicht zu einem weiteren Anstieg des Modernisierungsanteils an den Gesamtinvestitionen."

Der Deutsche Mieterbund kritisiert die Auswüchse dieses Booms. "Eine Modernisierung ist zurzeit das tollste Geschäft, das ein Vermieter machen kann", sagt Geschäftsführer Ulrich Ropertz. Viele Mieter könnten sich wegen der Elf-Prozent-Regel ihre Wohnung nach einem Umbau nicht mehr leisten. "Dadurch kommt es zu einer gewissen Vertreibung von Mietern", sagt Ropertz.