Zum Tod von Leo Kirch Wir sind alle ein bisschen Kirch

Wie kein anderer trug Leo Kirch dazu bei, dass das bräsig gewordene Gebührenfernsehen die private Konkurrenz bekam, die heute Millionen Deutsche prägt. Doch diese Konkurrenz sieht mit "Big Brother" und nachmittäglichem Proletengezänk wohl anders aus, als Kirch und sein Freund Kohl sich das vorgestellt haben.

Ein Kommentar von Kurt Kister

In einer Zeit, in der man seinen Lieblingsfilm auf dem Telefon in der Sakkotasche mit sich herumträgt, scheint ein Mann wie Leo Kirch nur noch ein Anachronismus zu sein. Und dennoch steht der 84-jährige Kirch, der nun in München gestorben ist, für eine Phase der bundesdeutschen Geschichte, in der die Nachkriegszeit wirklich zu Ende ging.

Der Kaufmann Kirch, der Politik als eine Fortsetzung des Geschäfts mit anderen Mitteln verstand, machte sich zuerst das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem zunutze. Dann aber trug er in den achtziger Jahren wie vielleicht keine andere Einzelperson dazu bei, dass dem gebührenfinanzierten, bräsig gewordenen Fernsehen die private Konkurrenz entstand. Auf dem Höhepunkt seines Wohlstands (und damit seiner Macht) gebot Kirch über den Sat1-Konzern, hielt Anteile an Springer, und seine Sender bekränzten Helmut Kohls Kanzlerschaft mit Lorbeer.

Leo Kirch war kein Berlusconi, auch wenn er sich mit dem gut verstand und eine ähnliche Vorstellung von der Bedeutung und Profitabilität eines möglichst breiten, alle Zweige von Herstellung und Verteilung einschließenden Medienimperiums hatte. Berlusconi, der archetypische Hallodri als Milliardär, will immer noch die Welt zu seinen Gunsten verändern. Kirch, der patriarchalische Kleinbürger, wollte an der Welt verdienen, wozu auch gehörte, dass er Politiker unterstützte, die seine Vorstellung von unternehmerbezogener, eigentlich kirchbezogener Medienfreiheit teilten.

In gewisser Weise gehören Leo Kirch und Helmut Kohl zusammen. Sie sind Alters- und Erfahrungsgenossen, sie stehen für jene Zeit, in der Westdeutschland zuerst mäßig erstarrt zu sein schien, bevor sich dann 1990 die DDR der Bundesrepublik ergab. In jener Zeit halfen Kohl und seine Freunde stark dazu, dass aus dem Duopol von ARD und ZDF jene Sendervielfalt wurde, der man auch Big Brother, die Verkaufskanäle und nachmittägliches Proletengezänk in Schrei-Shows verdankt.

Nein, diese Art von intellektuellem Prekariatsfernsehen hatten weder Kohl noch Kirch geplant, auch wenn sie seine Geburtshelfer waren. Natürlich ist nicht alles am Privatfernsehen schlecht, so wie leider auch vieles im öffentlich-rechtlichen Fernsehen heute nicht mehr jenem Auftrag entspricht, der die Gebühren rechtfertigt. Es kommt zu häufig vor, dass sich ARD und ZDF an Pro Sieben oder RTL messen. In diesem Sinne hat Leo Kirch nicht nur als Filmhändler in seiner ersten Phase die Öffentlich-Rechtlichen geprägt, sondern er hat auch als Privatfernseh-Boss das Denken und Handeln vieler Fernsehleute zwischen München, Mainz und Berlin beeinflusst.

Manchmal nennt man die Medien auch die Bewusstseinsindustrie. Kirch war einer jener wenigen, welche die Entwicklung dieser Industrie über Jahrzehnte hinweg steuerten. So gesehen tragen alle Fernsehzuschauer ein klein bisschen Kirch in sich.