Legendäres Foto "Lunch atop a Skyscraper" Mittags in Manhattan

Nur wenige Bilder vereinen Furcht und Leichtigkeit so gut, wie das Foto "Lunch atop a Skyscraper". Seit 80 Jahren steht es symbolisch für das industrielle Zeitalter New Yorks und fasziniert Menschen auf der ganzen Welt. Doch ganz so echt, wie es auf den ersten Blick scheint, ist es nicht.

Von Sabrina Keßler

Es gibt wohl kaum ein Bild, das die Geschichte New Yorks besser charakterisiert, das den Zeitgeist jener Epoche besser einfängt, als die Fotografie "Lunch atop a Skyscraper". Es zeigt einen warmen Herbsttag im September 1932, an dem elf Arbeiter in schwindelerregender Höhe auf einem Stahlträger Mittagspause halten. Ihre Füße baumeln hunderte Meter über dem Gedränge der 41. Straße, während sie unbehelligt zur Zigarette greifen, ihr Sandwich auspacken und die Zeitung entfalten, als wäre es das normalste der Welt. Im Hintergrund ragen die Hochhäuser Manhattans in die Luft, die - verschleiert durch diesige Wolken - den Blick auf den Central Park im Herzen New Yorks freigeben. Es ist ein epischer und doch so alltäglicher Moment, der da in schwarz und weiß eingefangen wurde, zu einer Zeit, in der New York die schwerste Wirtschaftskrise der damaligen Zeit durchlebte.

80 Jahre danach ist das Bild eine der bekanntesten Fotografien der Welt. Es schmückt unzählige Wände, ziert Postkarten, ist aufgezogen zu riesigen Postern und wurde imitiert von Legofiguren, Gümmibärchen und den Simpsons. Nicht umsonst zählt das Bild mittlerweile zu den erfolgreichsten Fotografien der Bildagentur Corbis, die das Foto besitzt. "Das Bild verkauft sich jeden Monat durchschnittlich 100 Mal und das schon seit zehn Jahren", berichtet Ken Johnston stolz. Das sei eine ganze Menge, sagt der Direktor der Abteilung für Historische Fotografien bei Corbis anlässlich des Jahrestags.

Jener Fotograf, der 1932 den Auftrag bekam, den Bau des Rockefeller Centers zu dokumentieren, hätte wohl nie mit einem solchen Erfolg gerechnet. Doch wie sich schnell herausstellen sollte, war das Motiv eben mehr als ein schnödes Bild verschwitzter Stahlarbeiter in löchrigen Unterhemden. Das Foto avancierte zu einem zeitgeschichtlichen Symbol, das die Sehnsüchte, Mühen, Triumphe und Tragödien der Arbeiter gleichermaßen vereint. Es erzählt die Geschichte New Yorks in den Anfängen des 20. Jahrhunderts, einer Zeit der Industrialisierung, geprägt von Einwanderung und einem beispiellosem Bauboom.

Alles nur gestellt?

Trotz der Popularität des Bildes ist wenig bekannt über die Umstände, in denen es entstand. Nicht einmal das Datum ist eindeutig zuzuordnen. Im Original ist das Bild auf den 29. September 1932 datiert, doch Experten munkeln, dass es auch neun Tage früher entstanden sein könnte. Genauso zweifelhaft ist die wahre Identität des Fotografen. Ursprünglich dichtete man den Schnappschuss dem sozialdokumentarischen Fotografen Lewis Hine zu, der bereits 1930 den Auftrag erhalten hatte, den Bau des Empire State Buildings zu begleiten. Doch anders als gedacht, war es vermutlich Charles Clyde Ebbets, der die Arbeiten am heutigen GE Building dokumentierte. Das Bettmann-Archiv deckte den Irrtum bei Untersuchungen im Jahr 2001 auf, als sich Familienangehörige des Fotografen meldeten.

"Allerdings haben Nachforschungen ergeben, dass wohl mehrere Fotografen zu diesem Zeitpunkt Fotos der Arbeiter gemacht haben. Wir wissen nicht, wer genau es geschossen hat", bekennt Corbis-Mitarbeiter Johnston. Die Tatsache, dass mehrere Arbeiter den Bau dokumentierten, lässt ihn zu einem weiteren Schluss kommen. So soll das Foto weit weniger authentisch sein, als es auf den ersten Blick wirkt. "Das Bild ist eine PR-Aktion des Rockefeller Centers", vermutet der Direktor, der dennoch keinen Zweifel daran lässt, dass die Stahlarbeiter wirklich dort gearbeitet haben. Die Emotionen, die Leichtigkeit der Arbeiter über der abgrundtiefen Kluft seien echt, lediglich die Situation sei arrangiert.

Künstler der Lüfte

Ebenso unsicher ist die Identität der Arbeiter. Im Laufe der Zeit haben sich viele Enkel und Angehörige gemeldet, die behaupten, ihr Großvater, Onkel, oder entfernter Verwandter sitze da auf dem Stahlträger. Die Arbeiter waren wohl Einwanderer, kamen aus Irland oder gehörten zum Stamm der amerikanischen Mohawk-Indianer, deren Tradition als "Skywalker" weit über sechs Generationen zurückreicht. Sie galten als unerschrocken, von Geburt an schwindelfrei und damit als perfekte Arbeiter, um das Empire State Building, das Chrysler Building oder das World Trade Center zu errichten.

Auch am Rockefeller Center arbeiteten sie zusammen mit ihren irischen Kollegen. Viele von ihnen waren trotz erheblicher Sicherheitsrisiken gezwungen über den Dächern New Yorks zu schuften. Die amerikanische Wirtschaftskrise hatte New York fest im Griff: Die Arbeitslosigkeit war hoch und die Chancen, einen anständigen Job zu finden, waren so gering wie die Preise, die durch die Deflation immer weiter fielen. Es blieb ihnen keine andere Wahl, als ihr finanzielles Glück über den Wolken zu suchen.