Landwirtschaft Landraub wird in Europa zum Problem

40 Prozent aller Felder sollen in Rumänien bereits ausländischen Investoren gehören. Aufnahme von Weizen bei Bukarest

(Foto: REUTERS)
  • Investoren kaufen mittlerweile auch in Europa in großem Stil landwirtschaftliche Flächen. Sie hoffen auf Profite durch industrielle Bewirtschaftung und steigende Bodenpreise.
  • Betroffen sind in der EU vor allem Länder in Osteuropa.
  • Kritiker sprechen von Landraub. Nachteilig sind die Landkäufe vor allem für lokale Kleinbauern.
  • Durch EU-Subventionen gibt es für die Investoren eine sichere Prämie von 250 bis 300 Euro pro Hektar.
Analyse von Silvia Liebrich

Mit kleinen Häppchen gibt sich der Investor aus dem Libanon nicht ab. In Rumänien dreht die Maria Group, ein international operierender Konzern, das ganz große Rad. Gut 650 Quadratkilometer Land bewirtschaftet das Unternehmen laut einer neuen Studie in dem noch jungen EU-Land - eine Fläche, die in der Größe nur knapp unter der von Hamburg liegt. Selbst für amerikanische Verhältnisse ist das riesig. Außer dem Land und einem Schlachthaus besitzt die Firma einen Hafen, den das Unternehmen für den Export braucht. Fleisch und Getreide, das in Rumänien erzeugt wird, lässt der Konzern von hier aus vor allem in arabischen Länder und nach Ostafrika verschiffen.

In der Finanzwelt wird diese Art von Landgeschäften gern als lukrative Investition beworben, mit Renditen von bis zu zehn Prozent und mehr. Kritiker solcher Deals sprechen dagegen von Land Grabbing, also von Landraub. Dass dieses Phänomen nicht nur weit entfernte Regionen in Afrika, Asien oder Südamerika betrifft, sondern inzwischen auch Europa, macht eine Studie deutlich, die am Mittwoch im EU-Parlament diskutiert wurde. Betroffen sind demnach vor allem jüngere EU-Mitgliedsstaaten im Osten wie Rumänien, Bulgarien, Litauen, Ungarn oder Estland.

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Wechselt ein Stück Land den Besitzer, lässt sich das leicht verschleiern

Die Studie zeigt, dass der Umfang der Landverkäufe vor allem seit der Finanzkrise im Jahr 2008 stark zugenommen hat. Als extremes Beispiel wird Rumänien genannt, wo inzwischen nach Schätzungen knapp 40 Prozent des Ackerlandes von ausländischen Investoren bewirtschaftet wird. In Bulgarien soll die Situation ähnlich sein.

Auf der Liste der Landkäufer finden sich immer häufiger bekannte Namen aus der Finanzwelt. Dazu gehören laut Studie etwa Ableger der Schweizer Bank Credit Suisse, der deutschen Allianz Versicherung oder der QVT Fund LP, ein Investmentfonds mit Sitz auf den Kaimaninseln. Weil es jedoch in den meisten Ländern keine zuverlässigen staatlichen Statistiken zum Grundstückstransfer gibt, beruhen die Zahlen der Studie zum großen Teil auf Angaben aus anderen Quellen. So gab es etwa nach den Daten der Behörden in Ungarn keine nennenswerten Transaktionen in den vergangenen Jahren. Doch die Dunkelziffer dürfte laut Studie erheblich sein. Tatsächlich lasse sich ein Besitzerwechsel leicht verschleiern, etwa durch Aufkäufe über Strohmänner oder die Gründung von Firmen in dem jeweiligen Land, kritisieren die Autoren. Der Mangel an Transparenz sei eines der größten Probleme in der EU.

Ob der Begriff Landraub im Zusammenhang mit Agrarflächen in Europa angemessen ist, gilt als umstritten. Die Welthungerhilfe definiert Landraub als ein Geschäft, bei dem staatliche oder private Anleger Land große Agrarflächen in Entwicklungsländern kaufen oder langfristig pachten, um dort Nahrungsmittel und Energiepflanzen für den Export anzubauen. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion liegen jedoch viele Felder im Osten brach. Kleine Bauern fehlt das Kapital, um die großen Ländereien zu bewirtschaften. Investoren aus dem Ausland sind deshalb bei den Regierungen meist höchst willkommen.

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Äcker sind begehrte Spekulationsobjekte mit erheblicher Wertsteigerung

Doch es bleibt eine Gratwanderung. Denn die Landnahme durch ausländische Investoren kann laut Studie dramatische Folgen für die Menschen in den betroffenen Regionen haben. Dazu gehört etwa ein deutlicher Anstieg der Arbeitslosigkeit unter der Landbevölkerung und eine rücksichtlose Ausbeutung von Umwelt, Böden und Wasservorkommen. Kleine Höfe in Familienbesitz hätten kaum eine Chance gegen die neue agroindustrielle Konkurrenz, kritisieren die Studienautoren.

Für finanzstarke Geldgeber lohnt es sich, in Ackerland zu investieren. Felder, auf denen Getreide oder Soja für Futtertröge wächst, sind zu begehrten Spekulationsobjekten geworden. Keine andere Anlageklasse hat in den vergangenen Jahren eine solche Wertsteigerung erzielt. Hinzu kommt die sichere Prämie von Jahr 250 bis 300 Euro pro Hektar und Jahr, die als Subvention von der EU überwiesen wird.

Der Grünen-Politiker Martin Häusling fordert ein Umdenken in der Agrarpolitik: "Der Prozess zeigt, dass eine völlig falsche Agrarpolitik die Subventionen vor allem in die Hände von wenigen, aber großen Landbesitzern spielt". Die Konzentration von Land sei auch in Deutschland oder Frankreich spürbar. So hätten sich etwa die Bodenpreise in Mecklenburg-Vorpommern in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. Häusling sieht vor allem Familienbetriebe durch die Entwicklung gefährdet. Im Wettbewerb mit finanzkräftigen Agrarinvestoren um Land könnten sie nicht mehr mithalten.

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