Korruptionsaffäre bei Thyssen-Krupp Der Schienenpapst und seine Freunde

Der alte Vorstand von Thyssen-Krupp soll einen verurteilten Manager gedeckt haben. Das könnte den Stahlkonzern viel Geld kosten.

Von Hans Leyendecker und Klaus Ott

"Schienenpapst" haben ihn seine Kollegen genannt, aber etwas Päpstliches hatte der Stahlhändler bestimmt nicht. Aufbrausend konnte er sein, und Mitarbeiter herunterputzen. Sein Sündenregister soll sehr lang sein. So lesen sich die Akten des Bundeskartellamtes in Bonn und der Staatsanwaltschaft in Bochum, die intensiv untersuchen, wie der Stahlkonzern Thyssen-Krupp die Abnehmer von Schienen und Weichen offenbar in großem Stil betrogen hat.

Bei ihren Nachforschungen stoßen die Ermittler immer wieder auf einen Mann, der mutmaßlich erst bei Krupp und dann bei Thyssen-Krupp ein Kartell von Schienen-Lieferanten aus ganz Deutschland betreut, wenn nicht gar gesteuert hat - auf den Schienenpapst, der im Konzern Karriere machte und der 2008 in allen Ehren in den Ruhestand verabschiedet wurde. Was die Kartellwächter und Staatsanwälte bislang herausfanden, führt zu einem schweren Verdacht gegen die alte Konzernspitze.

Der langjährige Vorstandschef Ekkehard Schulz und seine Leute sollen den Schienenpapst gedeckt haben, als dieser 2003 wegen Bestechung eines Managers der Deutschen Bahn verurteilt wurde. Der straffällig gewordene Stahlmanager wurde bei Thyssen-Krupp nach außen hin aus dem Verkehr gezogen. Er durfte intern aber sein allem Anschein nach verhängnisvolles Wirken fortsetzen. Heute könnte das den finanziell angeschlagenen Konzern mehrere hundert Millionen Euro kosten. So hoch wird in Unternehmenskreisen der mögliche Schaden beziffert, nachdem das Schienenkartell aufgeflogen ist, das die in Essen ansässige Thyssen-Krupp AG und zuvor Krupp jahrzehntelange mit vermeintlichen Konkurrenten gebildet haben. Zu Lasten der Bahn und vieler städtischer Verkehrsbetriebe, die Straßen- und U-Bahnen betreiben. Bußgelder und Schadenersatzzahlungen könnten sich auf eine halbe Milliarde Euro und mehr summieren.

Er hatte einen Bahn-Manager geschmiert, aber das störte niemanden

Der Schienenpapst hatte als junger Stahlhändler bei Krupp angefangen. Er soll dort schon in den siebziger Jahren mit anderen Unternehmen ein gesetzeswidriges Kartell betrieben haben, das kommunalen Nahverkehrsbetrieben überhöhte Preise abverlangte. Das berichtete ein ehemaliger Krupp-Beschäftigter, der später zur Konkurrenz wechselte, den Ermittlern. Der Schienenpapst soll Krupp intern damals, Ende der siebziger Jahre, sogar als "Schaltzentrale" des Kartells bezeichnet haben. Nach der Fusion mit Thyssen Ende der neunziger Jahre machte der Experte für Gleise und Weichen weiter Karriere, nun schon als Vorstandsmitglied der Handelssparte (Materials & Services). Dass er zuvor, noch zu seinen Zeiten bei Krupp, einen Bahn-Manager geschmiert hatte, damit der Stahlkonzern als Lieferant bevorzugt werde, störte offenbar niemanden in den Chefetagen des fusionierten Unternehmens. Im Gegenteil, man hielt zu ihm.

Als der Bundesgerichtshof Mitte 2004 entschied, der Schienenpapst sei im Jahr zuvor deshalb völlig zu Recht zu 90.000 Euro Geldstrafe verurteilt worden, notierte die Rechtsabteilung: "Der Vorgang war im Konzern von Anfang an bekannt." Der Gleis- und Weichen-Experte habe sich bei den Zahlungen an den Bahn-Manager "mit seiner vorgesetzten Stelle abgestimmt". Demnach hatte der straffällig gewordene Stahlhändler nicht auf eigene Faust agiert. Das könnte auch erklären, warum die Konzernvorstände ihre schützenden Hände über den sündigen Schienenpapst hielten. Er schied zwar offiziell aus seinen Funktionen bei Thyssen-Krupp aus, damit die Deutsche Bahn keine Auftragssperre verhängte. Insgeheim blieb aber alles beim Alten, wie das Bundeskartellamt bei seinen Ermittlungen herausfand. Der verurteilte Manager habe sich weiterhin um das Schienengeschäft gekümmert, notierten die Wettbewerbshüter in einem Bußgeldbescheid. Thyssen-Krupp musste 103 Millionen Euro zahlen, weil man die Bahn bis 2010 mit Absprachen und überhöhten Preisen betrogen hatte. Weitere Strafen sowie Schadenersatzzahlungen dürften folgen.

Der Schienenpapst soll bis zu seinem Ausscheiden bei Thyssen-Krupp im Jahr 2008 eine der Schlüsselfiguren des Kartells gewesen sein. Und er soll bereits kurz nach seiner Verurteilung 2003 einem Kollegen aus einem anderen Unternehmen bei einem Treffen in Wien berichtet haben, dass er "im Hintergrund" auch künftig die Geschäfte steuere. Dem Kollegen soll der Handelsmann aus Essen sogar gesagt haben, er werde durch den Vorstand von Thyssen-Krupp gedeckt. Er wisse schließlich "einiges".

Gefeuert, damit er nicht auspackt?

Das wirft die Frage auf, ob der damalige Vorstandschef Schulz und seine Leute den Schienenpapst nach seinem Sündenfall nicht gefeuert haben, damit der nicht auspackt. Der Experte für Gleise und Weichen durfte sogar im Vorstand der Handelssparte bleiben, mit jährlich verlängerten Verträgen, gegen die der Aufsichtsrat dieses Unternehmensbereiches nichts einzuwenden hatte. Fünf Betriebsräte und drei Gewerkschafter gehörten damals diesem Kontrollgremium an. Sie machten also mit bei dem üblen Spiel.

Ein Mal, am 19. Mai 2003, war sogar im Aufsichtsrat des Gesamtkonzerns über den Schienenpapst geredet worden. Vorstandschef Schulz berichtete über die Ermittlungen gegen den Handelsmann, und dass nach Auffassung der Rechtsabteilung kein Gesetzesverstoß vorliege. Was sich als krasse Fehleinschätzung erwies. Doch später, nach dem Urteil, soll im Aufsichtsrat nie mehr über diesen Fall gesprochen worden sein. Das Kontrollgremium, das bis heute von Gerhard Cromme geleitet wird, versäumte es offenbar, nachzuhaken. Und Schulz wiederum soll Cromme lediglich bei einer Gelegenheit darüber informiert haben, dass der Vertrag mit dem Schienenpapst verlängert worden sei, nicht aber dessen Verurteilung erwähnt haben. Der eine erzählt nichts, der andere fragt nichts. Eine seltsame Unternehmenskultur.

Heute schweigen alle. Thyssen-Krupp und Cromme äußern sich wegen der Ermittlungen nicht zum Schienenpapst. Ex-Chef Schulz hat wiederholt erklären lassen, keine Fragen zu beantworten, da er dem Unternehmen nicht mehr angehöre. Auch der Schienenpapst und sein Anwalt reden wegen der Ermittlungen nicht mit der Presse.