Weltwirtschaft Korruption, die größte Geißel der Menschheit

Das Niger-Delta besitzt zwar reiche Erdölvorkommen, der Großteil der Bevölkerung lebt jedoch in Armut. Mehr Transparenz bei Rohstoffgeschäften könnte Armut und Korruption bekämpfen.

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Sie raubt Chancen, verhindert Wachstum und zerstört Volkswirtschaften. Wenn es einen guten Moment gibt, um Korruption zu bekämpfen, dann ist er jetzt gekommen.

Kommentar von Marc Beise

Darf man über Korruption Witze machen? Zumal, wenn man selbst nicht über jeden Verdacht erhaben ist? Wenn man Staatsmann ist und also Einfluss hätte, die Dinge zu ändern? Der britische Premier hat es getan, zwei Tage vor dem Anti-Korruptionsgipfel, zu dem er am Donnerstag Vertreter aus 40 Staaten sowie Nichtregierungsorganisationen in London empfing.

Man hatte an jenem Tag nett zusammengestanden in einem stuckgeschmückten Saal des Buckingham-Palasts, die Queen war da, auch der Erzbischof von Canterbury. David Cameron berichtete, lässig ein Glas in der Hand, aus der jüngsten Sitzung seines Kabinetts. Die Vorbereitung des Gipfels laufe, das werde eine interessante Sache. Hohe Politiker aus "unglaublich korrupten Ländern" hätten sich angekündigt, darunter Vertreter aus "Nigeria und Afghanistan, den korruptesten Staaten der Welt". Die Herren reisten doch hoffentlich auf eigene Kosten an, fragte einer, allgemeine Heiterkeit, was man halt schwätzt bei solchen Gelegenheiten. Allerdings üblicherweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit, hier aber in Reichweite eines Mikrofons - das Video kursiert im Netz.

Cameron lästert vor laufender Kamera

Im Gespräch mit der Queen zeigt sich der britische Premier begeistert über den Besuch aus "unglaublich korrupten Ländern". Nigerias Präsident verlangt in seiner Reaktion keine Entschuldigung, sondern Geld. mehr ...

Korruption macht Staaten krank

Wenn das schon so losgeht, mag sich mancher denken, kann die ganze Konferenz nichts bringen, Augenwischerei der Mächtigen. Aber es wäre fatal, wenn es so käme. Denn der Kampf gegen Korruption hat unbestreitbar einen Schub bekommen, seit durch die Panama Papers enthüllt worden ist, wie einige Reiche dieser Welt Geld bewegen, mal legal, mal illegal, aber immer im Geheimen. Dieser Schub ist hochwillkommen, denn es handelt sich hier um eine der größten Geißeln der Menschheit überhaupt, ein "Krebsgeschwür", wie der US-Außenminister John Kerry in London sagte.

Man weiß heute, dass für die Armut in der Welt, etwa in Afrika, kaum ein Umstand so entscheidend ist wie korrupte Strukturen. Nach neuen Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IWF) frisst Korruption 1,3 bis 1,75 Billionen Euro im Jahr; das schwächt das globale Wachstum um rund zwei Prozent. Korruption entzieht den Staaten Steuergeld, es trägt zu sozialer Ungleichheit bei und schreckt Investoren ab. Korruption macht Staaten krank.

Zugleich ist das Bestechen und Sich-bestechen-Lassen eine der ältesten Übungen der Welt. Noch im 20. Jahrhundert arbeiteten auch Rechtsstaaten bedenkenlos mit korrupten Regimen zusammen und gaben Millionen an Entwicklungshilfe, wohl wissend, dass das Geld zum größeren Teil nicht bei den Bedürftigen ankommen würde. Die deutsche Exportwirtschaft war ganz vorne dabei, und sie durfte tatsächlich Bestechungsgelder als Betriebsausgaben steuermindernd geltend machen. So war das damals. Und ist Korruption nicht auch hierzulande ein Alltagsphänomen? Putzfrauen, Schwarzarbeit, Steuerbelege, man kennt die Begriffe und die Argumentation.

Camerons Korruptionswitze sind ein Etappensieg

Es ist in der Tat schwierig, Korruption exakt zu beschreiben. Die Vereinten Nationen raten von einer Definition ab, weil die Auffassungen der Mitgliedsstaaten zu unterschiedlich seien. Umso wichtiger ist es, die Debatte voranzutreiben. Großbritannien, wo Geldwäsche durch Immobilienkauf ein großes Thema ist, will ein Register einführen, in dem ausländische Firmen ihren Besitz in England offenlegen müssen. Dort muss dann der Name des wirklichen Besitzers genannt werden, nicht irgendwelche Firmen aus Steueroasen - gut so. Allerdings muss Großbritannien dann auch seine überseeischen Gebiete einbeziehen, wo die Milliarden gebunkert werden. Und die Vereinigten Staaten, deren Außenminister so schön reden kann, müssten sich verpflichten, ihre Briefkastenfirmen-Fabriken etwa an der Ostküste transparent zu machen. Das wird noch ein langer Kampf werden.

Wenn die Deutschen manche Vorbehalte haben, heißt das nicht, dass sie weniger scharf gegen Korruption vorgehen wollen; im Gegenteil: Sie stehen im Korruptionsranking sogar besser da als Großbritannien. Aber Deutschland hat ein anderes Verständnis von Privatsphäre. Wem welches Grundstück gehört und welche Firma, das soll nicht jedermann so einfach einsehen können, wie auch die Steuererklärung, anders als in manchen Ländern, vertraulich ist. In der Firma spricht man auch nicht gerne darüber, was der eine verdient und was die andere. Diese Traditionen kann man berücksichtigen und trotzdem zu mehr Transparenz kommen. Und genau darum geht es. Das Wichtigste ist jetzt, dass der Schub hin zu mehr Transparenz nicht an Kraft verlieren darf. Immerhin ist schon viel geschehen. Dass David Cameron darüber Witze macht, zeigt, dass er das Problem erkannt hat. Das ist ein Etappensieg.

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