Kommentar Vergesst den Dax!

Wirtschaft ist viel mehr, als diese Kurve.

(Foto: dpa)

Die täglichen Liveberichte von der Börse nerven und niemand braucht sie. Denn Wirtschaft ist mehr als nur die Aktienkurse.

Kommentar von Marc Beise

Man entkommt ihm nicht, diesem Dax. Am schlimmsten ist es im Radio. Gefühlt pausenlos wird man darüber informiert, dass der Dax wieder zulegen konnte, um soundsoviel Punkte, oder waren es ein paar mehr?, allerdings hat er da die Gewinne des Vormittags leider teilweise wieder abgeben müssen, und überhaupt sah die Sache Anfang der Woche noch ganz anders aus, als die Vorgaben der Wall Street . . . und dann war da noch der Nikkei, aber . . . - Man wüsste gern, wer damit wirklich etwas anfangen kann?

Und da sind wir noch gar nicht beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen angelangt, das uns vor der Tagesschau und im Heute-Journal mit einer Direktschalte aus dem Frankfurter Börsensaal verwöhnt, von den Tagesthemen ganz zu schweigen. Bitte jetzt nicht traurig sein, liebe Börsenberichterstattungskollegen, aber: Selbst für die Info-Elite des Landes ist das alles schwer zu ertragen. Wen es interessiert, den Zockerprofi, der weiß es eh. Und darüber hinaus sollte es eigentlich gar nicht interessieren, jedenfalls nicht in dieser Permanenz. Warum?

Der Unternehmenserfolg ermisst sich an vielen weiteren Kriterien

Weil es nur einen Teil der Wirtschaft abdeckt, darum. Einen wichtigen Teil, ja. Denn an den Börsen wird weltweit Geld akkumuliert, seit sich 24 Männer im Jahr 1792 an der Südspitze der Halbinsel Manhattan zusammensetzen und das begründeten, was man heute "die Wall Street" nennt. Es geht um Geld, das Unternehmen brauchen, um zu investieren. Geld, das sie von vielen Anlegern bekommen statt nur von einer Bank, womit das Ganze eine eher demokratische Angelegenheit ist. Wenn der Finanzmarkt funktioniert, wenn sich die Bewegungen der Kurse aus dem Verhalten vieler Anleger ergeben und nicht von wenigen dominiert oder gar manipuliert sind, dann ist das Ganze Marktwirtschaft von ihrer besten Seite. Sozusagen die idealtypisch verkörperte "unsichtbare Hand" des Markts, wie es der britische Klassiker Adam Smith einst treffend beschrieben hat. Alles richtig. Und doch ist der Aktienkurs eben nur einer von sehr vielen Parametern des Lebens.

Wirtschaft ist so unendlich viel mehr, und auch der Unternehmenserfolg bemisst sich an vielen weiteren Kriterien: die Güte des Geschäfts, die Strategie, die Innovationskraft der Firma, Fertigkeiten und Motivation der Belegschaft und vieles andere. Der Staatswissenschaftler Paul Kirchhof aus Heidelberg hat mal die Empfehlung gegeben, man sollte doch statt des Dax täglich in den Nachrichten ein Job-Barometer zeigen: Stellt Deutschland ein, oder stehen die Zeichen auf Stellenabbau? Das ist ein unrealistisches, aber hübsches Gedankenspiel.

Man wird eher abgeschreckt vom undurchschaubaren Spiel der Experten

Nun könnte man sagen, dass die ständige Dax-Berieselung den Bürgern die Börse mental näherbringt - was dann wiederum gar nicht schlecht wäre, denn die Deutschen haben, im Unterschied zu manchen anderen Völkern, ein eher gestörtes Verhältnis zum Finanzmarkt. Es ist ja auch zum Verrücktwerden: Da bringt die lockere EZB-Geldpolitik samt Niedrigzinsen die Menschen um die Früchte ihres Ersparten und diese verpassen gleichwohl die Chance, das anderswo, als beispielsweise mit Aktien, auszugleichen.

Den Handel mit Wertpapieren, der ja nicht nur Chancen, sondern auch Risiken birgt, muss man lernen. Die permanente Schalte in den - übrigens längst überflüssig gewordenen - Handelssaal ist da jedoch ein untauglicher Versuch. Man wird doch eher abgeschreckt vom undurchschaubaren Spiel der Experten.

Ach, lasst uns einfach all diese Dax-Studios schließen und die Wirtschaft in ihren vielen Facetten ins Hauptprogramm holen. Das wäre mal eine Reform.

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