Großbritannien Das leichtsinnige Spiel mit dem Brexit

Debatte um einen Brexit: Das Pfund wertet zum Dollar immer mehr ab.

(Foto: dpa)

Die Brexit-Debatte in Großbritannien über einen Austritt aus der EU läuft falsch. Es geht nicht um das Aufrechnen von Vor- und Nachteilen.

Kommentar von Karl-Heinz Büschemann

Manchmal möchte man sich damit trösten, dass die hitzigen politischen Gedankenspiele in Großbritannien über den Austritt des Landes aus der EU ihren Grund auch im innenpolitischen Kleinkrieg von Politikern haben. Parteiinternes Hickhack bei den Konservativen darüber, wer künftig das Land regieren wird, könnte man als Gerede mit kurzer Halbwertzeit abtun. Gäbe es nicht die Risiken, die mit dem im Juni geplanten Referendum der Briten über den Ausstieg aus der Union verbunden sind. Diese Gefahren machen die Schachzüge der britischen Innenpolitik zu einem leichtsinnigen Spiel mit dem Feuer.

Die Konsequenzen eines Austritts für die Wirtschaft wären erheblich; für die britische Wirtschaft, aber auch für die europäische und die deutsche Volkswirtschaft. Man möchte glauben, den Londoner Politikern seien die Risiken bewusst. Wer den Austritt der drittgrößten Volkswirtschaft Europas aus der EU plant, nimmt den Verlust von Arbeitsplätzen leichtfertig in Kauf. Kein verantwortungsbewusster Politiker kann das wollen.

Es geht nicht um das Aufrechnen von Vor- und Nachteilen. Es geht um das große Ganze

Es gibt ein schönes Foto, dass die Verbundenheit der Briten mit der deutschen Wirtschaft besonders eindrucksvoll zeigt. Auf dem Pressebild sitzt ein strahlender Premierminister David Cameron vor seinem Amtssitz in der Downing Street Nr. 10 am Lenkrad eines Mini, auf dessen Dach die britische Flagge gemalt ist. Kaum ein Auto steht in der Welt mehr für England als dieses Kultvehikel, vom Land Rover vielleicht abgesehen. Mehr als 2,5 Millionen Stück wurden von diesem Klein-Flitzer seit 2001 gebaut.

Das britische Mini-Werk gehört dem deutschen BMW-Konzern. Die Münchner haben dafür gesorgt, dass die über Jahrzehnte heruntergewirtschaftete Marke wieder Glanz bekam und zum Botschafter Britanniens werden konnte. Die Realität der EU hat dafür gesorgt, dass Deutsche, trotz mancher Reibereien, auf der Insel zu geachteten Investoren wurden. Den Nutzen hatten Deutsche wie Briten.

Deshalb hat der Bundesverband der Deutschen Industrie recht, wenn er sich für den Verbleib der Briten in der EU ausspricht. Der liege in deren eigenem Interesse, so der BDI. Er liegt aber auch im deutschen Interesse. Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Großbritannien sind eng. London ist eine Schaltstelle der internationalen Wirtschaft, die traditionell segensreich für ganz Europa wirkte. Die Munich Re, eine der weltweit größten Rückversicherungsgesellschaften, ist seit 1890 in London vertreten. Siemens hat eine Vertriebsagentur schon 40 Jahre früher etabliert. Für den Autozulieferer und Elektronik-Konzern Bosch ist Großbritannien der zweitgrößte Markt nach Deutschland. Heute sind 2500 deutsche Unternehmen in Großbritannien mit Niederlassungen vertreten, sie haben dort weit mehr Investitionen getätigt als in Frankreich oder China. Sie beschäftigen 370 000 Menschen. Nur die Vereinigten Staaten sind als Investitionsstandort der Deutschen wichtiger.

Allerdings gibt es ein Ungleichgewicht im Handel zwischen Deutschland und England. Das könnte den Eindruck erwecken, die Briten hätten unter dem Brexit weniger zu leiden als die Deutschen. Für die exportorientierten deutschen Unternehmen war Großbritannien 2014 der drittwichtigste Absatzmarkt hinter den USA und Frankreich und vor China. Bei den Importen sieht es anders aus. Großbritannien, dessen Wirtschaft viel stärker auf Dienstleistungen basiert als die deutsche, rangiert bei den Einfuhren nur auf Rang neun, in der Nähe der kleinen Schweiz.

Es sollte aber zu denken geben, dass 200 Chefs großer britischer Firmen, darunter der Ölkonzern Shell oder die Mobilfunk-Gesellschaft Vodafone, vor den Folgen des Austritts warnen. Die britischen Firmen hängen an dem unbeschränkten Zugang zum europäischen Binnenmarkt mit seinen etwa 500 Millionen Menschen, um zu wachsen, zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Sie befürchten, die Investitionen der Europäer auf der Insel könnten zurückgehen. Diese Annahme besteht zu Recht.

Es gibt einen Streit darüber, ob Großbritannien für die EU wichtiger ist als die EU für Großbritannien und welches Risiko für die britische Wirtschaft besteht, sollte es zum Austritt kommen. Aber diese Debatte ist sinnlos. Es geht nicht um das Aufrechnen von Vor- und Nachteilen für jede Seite. Es geht um das große Ganze. Die Wirtschaftsunion Europa, die allein Großmächten wie Amerika oder China etwas entgegensetzen kann, wäre der Verlierer des Austritts, und innerhalb der Union stünde Deutschland an erster Stelle unter den Leidtragenden. Aber sicher wäre auch Großbritannien ein Verlierer.