Energie Egal was passiert, Fracking wird bleiben

(Foto: David McNew/AFP)

Eine Pleitewelle unter Gas- und Ölförderern wäre nur eine Fußnote der Geschichte. An der Energierevolution durch Fracking ändert das nichts.

Kommentar von Jan Willmroth

Geschichtsbücher brauchen Figuren, die historische Entwicklungen erfahrbar machen. Oft ist nicht abzusehen, welche Namen später einmal für epochale Wendungen stehen werden. Die Geschichte der Energieversorgung ist voll von solchen Wendungen, in ihr sind viele Figuren verewigt, deren Bedeutung erst mit der Zeit offenbar wurde. Gerade erst ist die Welt Zeuge einer Zeitenwende geworden: Der Fracking-Boom in den USA hat die globalen Energiemärkte zuerst überrascht und dann auf absehbare Zeit verändert, vielleicht für immer.

Diese amerikanische Energierevolution hat bereits ihre ersten Protagonisten. Eine der Hauptfiguren ist Aubrey McClendon, ein Öl-Ingenieur aus Oklahoma, der Gründer und ehemalige Chef von Chesapeake Energy. Die Fracking-Technologie hat die einst winzige Firma in wenigen Jahren auf den zweiten Platz in der Reihe der größten Erdgasproduzenten der USA katapultiert. Das wird ihr nun zum Verhängnis: Chesapeake ist extrem verschuldet und akut von der Pleite bedroht. Das Unternehmen wäre das bislang prominenteste Opfer des Preisverfalls beim Rohöl um etwa 70 Prozent, der auch die Erdgaspreise und damit die Umsätze von Chesapeake einbrechen ließ. Ist das ein Zeichen: War die Schiefergas-Revolution gar nur eine mit sehr viel geliehenem Geld aufgepumpte Blase?

Die Protagonisten des Fracking-Booms werden Opfer ihres Erfolgs

Ein solcher Boom produziert zwangsläufig Verlierer. Zwar haben sich die Profiteure des neuen amerikanischen Energiereichtums angesichts des Ölpreisverfalls als erstaunlich robust erwiesen. Darauf sind sie stolz. Sie haben die teuersten Bohrlöcher dichtgemacht, Kreditlinien verlängert, ihre Kosten reduziert und die Fördertechniken optimiert. Das geht aber nicht ewig so weiter. Der Analysefirma IHS zufolge mussten seit 2014 bereits 60 Öl- und Gasförderer Insolvenz anmelden, weitere 150 könnten demnach folgen. Die Zahl der aktiven Bohrtürme sinkt deutlich. Es stimmt: Der Fracking-Boom kommt zum Erliegen. Das war absehbar.

Die Möglichkeit, zu wettbewerbsfähigen Kosten kilometerweit unter der Erde horizontal zu bohren, dort Gestein aufzusprengen und im Schiefer eingeschlossenes Öl und Erdgas zu fördern, hat ganz wesentlich zu dem Überangebot beigetragen, dem sich die Welt gerade ausgesetzt sieht und das den Preisrutsch verursachte. Die Protagonisten der amerikanischen Rohstoff-Renaissance werden zu Opfern ihres eigenen Erfolgs. Jetzt geht es darum, wer überlebt.

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Das darf aber nicht über die weitreichenden Folgen dieser Revolution hinwegtäuschen. Niemand kann sie ungeschehen machen. Technologien, die heute verfügbar sind, werden bleiben. Die Ölförderung in den Vereinigten Staaten hatte sich binnen fünf Jahren beinahe verdoppelt. Die jetzt erschließbaren Erdgasvorkommen der USA reichen, um das Land beim heutigen Verbrauch mehr als hundert Jahre lang zu versorgen. Dabei ist sicher: Die Produktion der beiden Rohstoffe mag nun sinken, doch sobald die Preise wieder steigen, steigt mit ihnen auch die Fördermenge. Ingenieure brauchen nur noch wenige Wochen, bis aus einem neuen Bohrloch Öl und Gas fließen. Die USA, schätzt der Pulitzerpreisträger und Ölexperte Daniel Yergin, haben Saudi-Arabien als "Swing-Producer" abgelöst: Sie können am schnellsten auf Marktpreise reagieren und ihre Produktion hoch- und runterfahren.

Alles hängt von der sicheren Versorgung mit Energierohstoffen ab

Das ist gut. Denn es erhöht wahrscheinlich über Jahrzehnte etwas, das sich hinter einem abstrakten Begriff verbirgt: Energiesicherheit. Von der sicheren Versorgung mit Energierohstoffen hängt alles ab, was die Welt von heute ausmacht. Diese Abhängigkeit von zunehmend komplexen globalen Energiesystemen macht es notwendig, sowohl die Risiken als auch die Bedingungen zu verstehen, von denen die Versorgungssicherheit in den kommenden Jahrzehnten abhängt. Es ist diese Abhängigkeit, die von Anfang des Erdölzeitalters an Ängste geschürt hat, das Öl könnte nicht mehr lange genug reichen. Daniel Yergin zitiert zu diesem Thema Winston Churchill, der 1913 als Marinegeneral vor dem britischen Parlament folgenden Satz sagte: "Die Sicherheit und die Verlässlichkeit des Öls hängen von der Vielfalt, und der Vielfalt allein ab."

Das gilt hundert Jahre später genauso. Die Fracking-Revolution hat die Vielfalt der Energieversorgung noch einmal erhöht. Sie hat unsere Versorgung mit bezahlbarer Energie sicherer gemacht. Die USA zahlen den ökologischen Preis für die Folgen des Frackens. Und mit Erdgas als vergleichsweise sauberem Brennstoff macht diese Technik wenigstens Hoffnung auf einen Übergang in ein Zeitalter ohne fossile Brennstoffe. Eine Pleitewelle ist da nur eine Fußnote.

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