Jugendarbeitslosigkeit in Europa Betrogen um die Zukunft

In Schweden brennen Autos, in Spanien, Griechenland, Portugal und Frankreich gehen die Jungen schon länger auf die Straße. Ihr Zorn ist berechtigt: Sie verlangen nach guten Jobs, sie wollen Familien gründen und fürs Alter vorsorgen, doch die wohlfeilen Worte der Politiker helfen nicht. Europas Jugend braucht eine Perspektive - nicht morgen, sondern heute.

Ein Kommentar von Sibylle Haas

Die Bilder erinnern an brennende Autos und randalierende Menschen in den schwierigen Vorstadtmilieus Frankreichs. Doch die Wut entlädt sich diesmal nicht in der Banlieue. Nicht in den Randzonen der großen französischen Städte, mit ihren gefühlskalten Wohnsilos und verzweifelten Menschen, deren Leben von Kriminalität und Drogen beherrscht wird.

Die Krawalle dieser Tage spielen in Schweden. In einem Land, das einst für sein Sozialsystem gelobt wurde, das als Vorbild galt für den Wohlfahrtsstaat schlechthin. Doch nun stehen dort seit Tagen Autos in Flammen, brennen Schulen und andere Gebäude. In den sozialen Brennpunkten der Einwanderer-Vororte von Stockholm entlädt sich gerade die Gewalt vor allem junger Menschen. Sie sind die Leidtragenden der wirtschaftlichen Krise, in die Schweden in den 1990er-Jahren gerutscht war.

Die steigende Arbeitslosigkeit drohte damals den Sozialstaat zu sprengen. Mit drastischen Einschnitten musste die Regierung das anschwellende Haushaltsdefizit eindämmen. Die Folgen waren verheerend, denn das soziale Gefälle nahm drastisch zu - und immer mehr junge Menschen blieben auf der Strecke. Heute ist jeder vierte Schwede unter 25 Jahre ohne Arbeit. Das ist viel, angesichts einer durchschnittlichen Arbeitslosenquote von etwa acht Prozent.

Perspektive gleich null.

Die Gewalt auf Stockholms Straßen ist nicht zu rechtfertigen, ohne Frage. Doch zu verstehen ist sie schon. Denn die Jugend protestiert, wenn es friedlich ist, zu Recht. Nicht nur in Schweden, sondern auch anderswo in Europa. Denn noch nie hatte die junge Generation so viel Grund, sich laut zu melden, wie heute.

Jeder vierte junge Europäer ist ohne Job

Nun rächt sich, dass in vielen Ländern an der Bildung gespart wurde, lange bevor die Krise überhaupt da war. Dass es in vielen Ländern keine ordentliche Ausbildung gibt. Dass sich junge Europäer mit Billigjobs durchschlagen, von Befristung zu Befristung oder von Praktikum zu Praktikum hangeln. Und es rächt sich, dass man solche Jobs für normal hält.

In Spanien, Griechenland, Portugal und Frankreich gehen die Jungen schon länger auf die Straße. Es sind die Studenten, der vermeintlich privilegierte Nachwuchs, der sich wehrt. Sie verlangen nach guten Jobs, sie wollen Familien gründen und fürs Alter vorsorgen.

Stattdessen werden sie um ihre Zukunft betrogen. Fast überall in Europa ist die Arbeitslosigkeit unter den Jungen weit höher als die Arbeitslosigkeit insgesamt. Tendenz steigend. Jeder vierte junge Europäer ist ohne Job. In Spanien und Griechenland liegt die Quote bei den unter 25-Jährigen sogar bei 60 Prozent.

Deutschland steht mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 7,6 Prozent noch vergleichsweise gut da. Das liegt mitunter am dualen System aus schulischer und betrieblicher Ausbildung. Es gilt als Erfolgsmodell. Bei ihrem Besuch in Spanien diese Woche hat Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) den Spaniern Unterstützung beim Aufbau eines solchen Berufsausbildungsmodells nach deutschem Muster versprochen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Doch muss klar sein, dass sich so eine Sache nicht von heute auf morgen aus dem Boden stampfen lässt.

Europas Jugend braucht eine Perspektive - nicht morgen, sondern heute

Die Bemühungen und wohlfeilen Worte der Politiker wirken oft hilflos. EU-Arbeitskommissar László Andor spricht von einer "Tragödie für Europa". Wohl wahr. Doch die in Brüssel beschlossene "Jobgarantie" für Jugendliche, die ihnen beim Verlust des Arbeitsplatzes innerhalb von vier Monaten eine neue Stelle bescheren soll, wird vermutlich ein Papiertiger bleiben.

Wo sollen die Ausbildungsplätze denn plötzlich herkommen, wenn es bisher gar keine Ausbildung gab? Und was bringt ein schlecht bezahltes Praktikum, wenn es nur wenige Wochen dauert? Das kennt Europas Jugend doch längst. Abgesehen davon sind die sechs Milliarden Euro der EU für das Jugendprogramm ein Tropfen auf den heißen Stein.

Dies sind die Themen, über die Arbeitsministerin von der Leyen und ihr französischer Amtskollege Michel Sapin am 28. Mai in Paris reden werden. Unter dem Titel "New Deal für Europa" wollen die Minister der Jugendarbeitslosigkeit den Kampf ansagen. Es ist nicht die erste und sicher nicht die letzte Ansage dieser Art. Schon Anfang Juli will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Jugendarbeitslosigkeit auf einer Konferenz in Berlin thematisieren. So folgt ein Jobgipfel dem nächsten. Es wird Zeit, dass etwas geschieht. Europas Jugend braucht eine Perspektive - nicht morgen, sondern heute.