Japan Tristesse in Tokio

An der Börse fallen die Kurse. In den vergangenen zehn Tagen hat der Nikkei um 10,3 Prozent nachgegeben, allein am Dienstag um 5,4 Prozent. Anleger haben den Glauben verloren, dass das Land endlich aus der Krise kommt.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Wenn Anleger ein Unternehmen unter seinem Buchwert handeln, haben sie den Glauben an dessen Zukunft verloren. Denn der Buchwert spiegelt die Substanz eines Unternehmens wider, zeigt an, wie teuer dessen Grundstücke oder der Maschinenpark sind. Wenn die Händler 53 Prozent aller Titel der ersten Sektion der Tokioter Börse, also in der Premiumsparte, unter Buch bewerten wie zur Zeit, verraten sie damit ihre Zweifel am Potenzial der japanischen Wirtschaft. Zumindest am Konjunkturprogramm, mit dem diese angekurbelt werden soll: Abenomics.

Die Wirtschaftspolitik des japanischen Premierministers Shinzō Abe - daher Abenomics - umfasst eine radikale Lockerung der Geldpolitik, Investitionen in die Infrastruktur und Strukturreformen. Zumindest theoretisch. Praktisch umgesetzt wurde davon bisher nur die lockere Geldpolitik. Die japanische Notenbank übernimmt jährlich für 80 Billionen Yen, 610 Milliarden Euro, Anleihen vom Staat und finanziert so das Haushaltsdefizit mit der Druckerpresse. Schon heute hält die Notenbank ein Drittel aller ausstehenden Staatsschulden. Außerdem kauft sie Anteile an Aktien- und Immobilienfonds. Offiziell will sie das Land damit in eine Inflation von zwei Prozent zwingen. Denn in Japan herrscht seit weit mehr als zehn Jahren mehr oder weniger Deflation. Notenbankchef Haruhiko Kuroda glaubt, die Japaner würden Anschaffungen und Investitionen aufschieben, da diese ja billiger würden.

Diese Geldpolitik hat die Börsenkurse und die Immobilienpreise in Tokio angeheizt und den Yen gegenüber dem Dollar massiv geschwächt. Auf die reale Wirtschaft hatte sie wenig Einfluss, das Exportvolumen hat kaum zugenommen. Japan ist kein Schwellenland, das seine Produkte über den Preis verkauft. Die derzeit hohen Profite der Exportfirmen erklären sich vor allem mit dem Wechselkurs.

Es liegt nicht nur an der Regierung, die vor Strukturreformen zurückschreckt, dass Abenomics nicht funktioniert. Die meisten Unternehmen haben ihren Beitrag zu Abes Wirtschaftskurs verweigert. Sie investieren kaum, jedenfalls nicht in Japan, weil es sich nicht rechnet; sie erhöhen die Löhne bloß symbolisch, weil es in diesem Land keinen echten Arbeitsmarkt für Menschen in der Mitte des Lebens gibt und somit auch kaum Lohndruck. Und sie wandeln unterbezahlte Zeitstellen nicht in Festanstellungen um. Im Durchschnitt hat der Japaner, der mehr konsumieren soll, heute weniger Geld in der Tasche als vor Abenomics.

Seit November gibt Japans Börse fast stetig nach. Dafür soll der Ölpreis verantwortlich sein, oder China. Dass die Probleme hausgemacht sein könnten, davon ist hier kaum die Rede. Im Dezember kündigte die Notenbank überraschend zusätzliche Lockerungen an, die eher symbolisch waren. Kuroda wollte zeigen, dass er nicht von seinem Ziel einer Inflation von zwei Prozent abweicht. Die Märkte vermochte er nicht zu beeindrucken.

Ende Januar überrumpelte er die Anleger abermals, diesmal mit Negativzinsen. Auf Teile ihrer Guthaben bei der Notenbank müssen die Geschäftsbanken künftig 0,1 Prozent Zins zahlen. Damit hat Kuroda das Zinsniveau so sehr nach unten gedrückt, dass die Rendite der 10-jährigen Staatsanleihen nun negativ ist. Das ist weniger dramatisch, als es klingt: Die japanischen Geschäftsbanken halten nur noch etwa zehn Prozent aller ausstehenden Staatsanleihen.

Schon zwei Tage nach dem Schock der Negativzinsen setzte die Börse ihre Talfahrt fort. In den vergangenen zehn Tagen hat der Nikkei um 10,3 Prozent nachgegeben, allein am Dienstag um 5,4 Prozent, am Mittwoch um 2,3 Prozent. Besonders tief eingebrochen sind die Finanztitel. Der Yen hat gegenüber dem Dollar fast fünf Prozent zugelegt.

Das bremst die Gewinnerwartungen der Exporteure, was wiederum ihre Aktienkurse belastet. Kuroda hat seine wichtigsten Adressaten, die Märkte, mit den Negativzinsen offenbar nicht erreicht. Japans börsennotierte Unternehmen sitzen auf Bargeldbeständen von 100 Billionen Yen, 770 Milliarden Euro, seine Geschäftsbanken verfügen über Reserven von 260 Billionen Yen, gesetzlich vorgeschrieben wären acht Billionen. Die Nachfrage nach Krediten ist gering. Gleichwohl vermehrt die Notenbank die Geldmenge weiterhin um jährlich 80 Billionen Yen, etwa 615 Milliarden Euro. Japan braucht kein zusätzliches Geld.

Haben die Anleger in den ersten zweieinhalb Jahren von Abenomics, als sie den Nikkei 225 auf das Doppelte hochtrieben, Abes Rhetorik geglaubt? Japans Anleger bestimmt nicht, sie traten in dieser Zeit als Netto-Verkäufer auf. Die Ausländer dagegen, die für etwa 60 Prozent des Handels an der Börse von Tokio verantwortlich sind, trieben die Kurse in die Höhe. Nun steigen sie aus ihren Abe-Trades aus, die Kurse fallen.