Tepco: Katastrophe in Fukushima Zerfall eines Atomkonzerns

Niedergang im Zeitraffer: Beim Betreiber des Atomkraftwerks Fukushima blüht das Missmanagement - und der Chef versteckt sich. Möglicherweise wird Tepco nun verstaatlicht.

Von Silvia Liebrich und Christoph Neidhart

Am Ende wird es wohl der Staat richten müssen. Es ist absehbar, dass der japanische Atomkonzern Tepco die Katastrophe von Fukushima aus eigener Kraft nicht überstehen kann. Auf den Betreiber des havarierten Kernkraftwerkes kommen gewaltige Schadenersatzforderungen zu, die alles bisher Dagewesene übersteigen dürften. Und die Lage ist noch nicht unter Kontrolle. Inzwischen deutet vieles darauf hin, dass die Regierung Tepco unter Aufsicht stellen wird.

Gerüchte über eine Verstaatlichung machten am Dienstag an der Börse in Tokio bereits die Runde, der Kurs verfiel in Minuten. Die Börsenleitung reagierte - und setzte die Aktien des Konzerns vom Handel aus. Zu diesem Zeitpunkt war der Konzern, dessen Anteile sich zu 100 Prozent in Streubesitz befinden, nur noch ein Schatten seiner selbst. Sein Wert betrug zuletzt umgerechnet elf Milliarden Dollar (7,9 Milliarden Euro); noch vor wenigen Wochen galt Tepco mit einem Marktwert von 42 Milliarden Dollar als einer der mächtigsten Spieler in der Atomindustrie. Aus und vorbei.

Inzwischen belaufen sich die Verbindlichkeiten des Konzerns auf 100 Milliarden Dollar, einschließlich eines neuen Kredits über 22 Milliarden Dollar, den das Management in der vergangenen Woche beantragte. Der Schuldenberg wächst und wächst. Analysten zufolge muss Tepco monatlich mehr als eine Milliarde Dollar allein für alternative Energiequellen aufbringen, um den Ausfall seiner Reaktoren auszugleichen. Auf lange Sicht wird Japan wohl nicht umhin kommen, die Verantwortung für Tepco zu übernehmen.

Noch äußern sich Regierungsmitglieder widersprüchlich zu den Spekulationen. Während der Minister für die nationale Politik, Koichiro Gemba, eine Verstaatlichung als mögliche Option bezeichnete, hielt sich Regierungssprecher Yukio Edano bedeckt. Keine Regierungsorganisation denke derzeit über eine solche Verstaatlichung nach. Viel wichtiger sei es, das Kraftwerk unter Kontrolle zu bringen und die Auswirkungen der Katastrophe zu bewältigen.

Tepco, das für den schwersten Atomunfall in der Geschichte Japans verantwortlich ist, steht für eine ganzen Serie von Pannen, Schlampereien und Betrügereien. Immer wieder sorgte der Konzern in den vergangenen Jahrzehnten für Aufsehen und Ärger. Nun betreffen die Folgen von Fukushima die ganze Welt. Auch in Europa, China, den USA und anderen Regionen geraten immer mehr Firmen in Nöte, weil wichtige Bauteile aus Japan fehlen.

Verstaatlichen? Vielleicht

Die Ausfuhr japanischer Lebensmittel gerät zunehmend ins Stocken. Handelsströme sind teilweise unterbrochen. Internationale Reedereien weigern sich, die Häfen von Tokio und Yokohama anzusteuern, aus Angst vor der Strahlenbelastung. Ein erheblicher Teil der Misere könnte Tepco angelastet werden, weil das Unternehmen die Sicherheit seiner Reaktoren sträflich vernachlässigt hat; eines ferneren Tages wird das die Gerichte beschäftigen.

In der Krise wäre Führung gefragt, doch der Vorstand des Unternehmens gibt ein jämmerliches Bild ab. Tepco-Chef Masataka Shimizu verschwand in der vergangenen Woche sogar für einige Tage ganz von der Bildfläche, nachdem er sich schon zuvor äußerst rar gemacht hatte. Ein Firmensprecher begründete Shimizus Abtauchen mit Erschöpfung. Die Unfähigkeit der Tepco-Vorstände brachte Japans Regierungschef Naoto Kan so in Rage, dass er die Leitung des Tepco-Krisenstabes schließlich selbst übernahm. Die Kommunikationsfehler rissen dennoch nicht ab. Am Sonntag meldete die Firma missverständliche Zahlen über die radioaktive Belastung des stehenden Wassers im Block 2 - und löste damit Panik aus.

Das Unternehmen muss sich auch die Kritik gefallen lassen, dass es internationale Hilfsangebote zunächst ausschlug und damit wertvolle Zeit bei der Eindämmung der Katastrophe verlor. So wurde amerikanische Unterstützung zur Kühlung der zerstörten Atommeiler anfangs abgelehnt. Erst zum Beginn dieser Woche bat Tepco französische Atomexperten um Hilfe. Sie sollen unter anderem helfen, das stark radioaktive Wasser in den beschädigten Reaktoren zu beseitigen.

Der französische Atomkonzern Areva kündigte an, er werde in Kürze zwei Experten nach Japan schicken. Areva ist weltweit der größte Anlagenbauer für Atomkraftwerke. Der Stromkonzern EDF schickte bereits 130 Tonnen Material nach Japan, darunter auch Roboter, die in radioaktiv verstrahltem Gelände eingesetzt werden können.

Wo Frankreichs Experten gefragt sind, ist der Präsident der Republik nicht weit: Nicolas Sarkozy will sich diesen Donnerstag bei einem Besuch im Erdbebengebiet selbst einen Überblick über die Katastrophe verschaffen. In Frankreich wird die Lage in Fukushima mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt. Kein anderes Land hat sich so sehr der Atomenergie verschrieben wie Frankreich.