Illegale Geldflüsse in Russland Quelle an der Wolga

Drogenhandel, Schattenwirtschaft sowie Bestechung von Beamten und Geschäftspartnern: Schätzungen des russischen Zentralbankchefs Ignatjew zufolge sind allein im vergangenen Jahr mehr als 50 Milliarden Dollar an illegalen Geldern außer Landes geschafft worden. Jetzt will Präsident Putin gegensteuern.

Von Julian Hans

Aus Russland sind im vergangenen Jahr erneut deutlich mehr als 50 Milliarden Dollar illegal außer Landes geschafft worden. Zu diesem Schluss kommt der Chef der Russischen Zentralbank, Sergej Ignatjew. Die Summe entspricht etwa 2,5 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts.

Das Geld sei vermutlich für den Drogenhandel, die Schattenwirtschaft sowie zur Bestechung von Beamten und Geschäftspartnern geflossen, sagte Ignatjew in einem Interview, das die Wirtschaftszeitung Wedomosti am Mittwoch veröffentlichte. Mehr als die Hälfte der verdächtigen Transaktionen sei nach einer Analyse der Zentralbank zudem von Firmen vorgenommen worden, die auf die ein oder andere Weise miteinander verflochten seien. "Es entsteht der Eindruck, dass sie alle von einer gut organisierten Gruppe von Personen kontrolliert werden", sagte Ignatjew.

Kapitalflucht ist ein Problem, das Russland schon seit dem Ende der Sowjetunion beschäftigt. Als reinen Kapitalabfluss hatte die Zentralbank für das vergangene Jahr 56,8 Milliarden Dollar gemeldet. 2011 waren es mehr als 80 Milliarden gewesen. Neu sind die deutlichen Worte, mit denen ein so hoch gestellter Beamter die illegalen Geldströme anprangert und dazu Fakten auf den Tisch legt.

Der in Leningrad geborene Ignatjew hatte in den 1990er Jahren an der dortigen Wirtschaftsuniversität gelehrt, bis er 1991 vom Radikalreformer Jegor Gaidar als stellvertretender Wirtschaftsminister nach Moskau geholt wurde. Seit 2002 ist er Vorsitzender der Zentralbank. Dass er jetzt so offen korrupte Strukturen im Staat anspricht, kann auch damit zu tun haben, dass der 65-Jährige voraussichtlich im Juni in Rente gehen wird.

Gute Geschäfte, die aber unsicher sind

Es passt aber auch zu einem Ziel, das Präsident Wladimir Putin für seine dritte Amtszeit verkündet hat: Eine "De-Offshorisierung" der Wirtschaft forderte er auf seiner ersten Pressekonferenz im Dezember. Konkrete Maßnahmen dazu würden derzeit im Kreml erarbeitet, heißt es. In einem ersten Schritt brachte Putin in der vergangenen Woche einen Gesetzentwurf ins Parlament ein, der es russischen Beamten verbieten soll, Konten im Ausland und Wertpapiere von ausländischen Emittenten zu besitzen.

Sowohl für einheimische als auch für ausländische Investoren gilt Russland zwar als ein Land, in dem man gute Geschäfte machen kann, in dem die Gewinne aufgrund mangelnder Rechtssicherheit aber nicht sicher sind.

Private Institute hatten schon früher auf die illegalen Geldströme hingewiesen. Laut einer Untersuchung der US-Agentur Global Financial Integrity (GFI) sind zwischen 1994 und 2011 etwa 211,5 Milliarden Dollar illegal aus Russland abgeflossen. In der gleichen Zeit kamen aber auch fast 553 Milliarden illegal ins Land und flossen in die Schattenwirtschaft. Die Untersuchung des GFI nennt auch die Hauptquelle und das Hauptziel der Geldströme: Zypern. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds betrug die Summe der Direktinvestitionen in Russland aus Zypern im Jahr 2011 fast 129 Milliarden Dollar - das ist mehr als das fünffache des Bruttoinlandsprodukts des Inselstaates.

Der Zentralbankchef gab sich optimistisch, dass die Sicherheitsbehörden die Organisatoren der illegalen Geldströme identifizieren könnten. Er selbst wollte sich allerdings nicht dazu äußern, wer dahinter stecken könnte.