IG Metall Detlef Wetzel nimmt die Flex

Berthold Huber (r.), der seit sechs Jahren Vorsitzender der IG Metall war, tritt ab; der bisherige Vize Wetzel soll zu seinem Nachfolger gewählt werden.

Die IG Metall ist die größte Industriegewerkschaft der Welt - an ihre Spitze soll nun Detlef Wetzel rücken. Ein Mann, der schlechte Nachrichten nicht einfach hinnimmt. Diese Einstellung hat ihm Erfolge gebracht - und einige Gegner.

Von Detlef Esslinger

Bevor Detlef Wetzel die IG Metall rettete, ging Gewerkschaftsarbeit dort so: Die Funktionäre kümmerten sich um die großen Stahl- und Metallbetriebe, handelten für deren Beschäftigte höhere Löhne aus und wunderten sich, dass die Zahl der Mitglieder trotzdem sank.

Als Detlef Wetzel anfing, die IG Metall zu retten, mussten sich dieselben Funktionäre auch mit neuen Branchen und Betrieben vertraut machen, mit Milieus, die noch keines Gewerkschafters Fuß zuvor betreten hatte. In Ostfriesland zum Beispiel mussten sie Kontakt zu den Beschäftigten eines Herstellers von Windrädern aufnehmen. Der Auftrag war nicht, denen gleich ein Beitrittsformular in die Hände zu drücken. Der Auftrag war, sie zu fragen, bei welchen Problemen eine Gewerkschaft ihnen eigentlich helfen könne. "70 Prozent zuhören und 30 Prozent reden", so wollte Wetzel, dass seine Leute vorgehen. Das Ergebnis war, dass es den Beschäftigten in dem Fall nicht um mehr Geld ging. Sondern um einen besseren Schutz beim Umgang mit den Harzen, mit denen sie die Rotoren laminierten. Detlef Wetzel sagt: "In Emden haben wir die Auseinandersetzung darum geführt, dass die Mitarbeiter durch eine Absauganlage vor den Harzen geschützt wurden."

Am Sonntag und Montag hält die IG Metall in Frankfurt am Main einen außerordentlichen Gewerkschaftstag ab. Berthold Huber, 63, der seit sechs Jahren ihr Vorsitzender war, tritt ab; der bisherige Vize Wetzel, 60, soll zu seinem Nachfolger gewählt werden. Der künftige Chef würde das vielleicht nicht so sagen, aber mit allem, was er sagt, drückt er es aus: Er legt manchmal Wert darauf, für seine Mitarbeiter eine Zumutung zu sein.

"Huber nimmt die Feile, Wetzel die Flex."

Bei einer Gewerkschaft geht es schließlich auch nicht viel anders zu als in einer alteingesessenen Firma, die über Jahrzehnte immer nur wuchs. Mit der Zeit wurschteln manche Abteilungen vor sich hin, ordentlich voneinander abgegrenzt, was in guten Phasen niemanden stört. Alle Kraft geht aufs Traditionsgeschäft, wieso auch nicht. Und Gefahrenzeichen werden übersehen.

Die IG Metall schrumpfte aber bereits, als Detlef Wetzel vor sechs Jahren in die Frankfurter Zentrale kam. Sie hatte damals 2,3 Millionen Mitglieder, vier Jahre zuvor waren es noch 2,5 Millionen gewesen. Wetzel und Huber - beide waren als Duo an die Spitze gerückt - legten den Funktionären Berechnungen vor, dass die Gewerkschaft innerhalb von fünf Jahren allein durch Pensionierungen jedes fünfte berufstätige Mitglied verlieren werde. Und jedes zehnte Mitglied liebäugelte sowieso mit dem Austritt. "Um fünf vor zwölf reformiert sich's leichter als um zehn", sagt Detlef Wetzel. "Und als Berthold Huber und ich hier anfingen, war es fünf vor zwölf."

Es ist dies eine Uhrzeit, zu der man mit leisen Tönen kaum weiterkommt. Der Vorsitzende einer anderen Gewerkschaft hat einmal gesagt, im internen Umgang seien Huber und Wetzel doch recht unterschiedliche Typen. "Huber nimmt die Feile, Wetzel die Flex." Der Vergleich ist deshalb ein bisschen unfair, weil Wetzel als Zweiter Vorsitzender andere Aufgaben hatte als Huber, der Erste. Der war in der Republik unterwegs, kümmerte sich um Tarife, die Rettung von Firmen und Arbeitsplätzen, um die Politik; da ist die Feile ein geeignetes Instrument.

Wetzel hingegen musste in Frankfurt das Haus instand setzen; Wände einreißen, Platz für neue Zimmer schaffen, um im Bild zu bleiben. Zwangsläufig die grobe Arbeit. Wenn man ihm von dem Vergleich erzählt, antwortet er ein paar Sekunden lang nicht. Seine Finger spielen mit dem Kugelschreiber, schließlich äußert er: "Das sagen Leute, die das Prinzip der Wahrheit und Klarheit nicht verstanden haben."

Mitglieder sind das wichtigste für eine Gewerkschaft

Jedenfalls wechselte da vor sechs Jahren jemand aus der nordrhein-westfälischen Bezirksleitung in die Zentrale, der ziemlich anspruchsvoll und konkret wurde: bis Ende des Jahres 110.000 Mitglieder gewinnen. Fünf Prozent mehr Mitglieder unter 27 Jahren haben. Und seinen Mitarbeitern gab er die Aufgabe, zu überlegen, woran man freitags erkenne, ob es eine gute oder eine schlechte Woche gewesen sei.

Er erzählt von dem Windrad-Hersteller, von Leiharbeitern und jungen Leuten; wie in der IG Metall viele immer dachten, diese Gruppen seien für eine Gewerkschaft nicht zu erreichen. "Jetzt sind aber 60.000 Leiharbeiter Mitglied bei uns geworden." In der Tarifrunde 2012 hatte sie Zuschläge für Leiharbeiter durchgesetzt. "Wir konnten sie überzeugen, dass uns ihre Belange wichtig sind und wir gemeinsam - Stammbelegschaften und Leiharbeiter - Ergebnisse erzielen können", sagt Wetzel. "Nur deshalb werden sie auch Mitglied bei uns." Er berichtet das so gelassen, wie man eine Sache berichten kann, nachdem sie geklappt hat - und in so freundlichen Worten, wie man sie gebrauchen muss, wenn man am Montag gewählt werden will. Er hat aber auch ein Buch auf den Tisch gelegt, das er im vergangenen Jahr schrieb; darin stehen ein paar härtere Sätze. Der schönste: "Hier in Frankfurt konnten einige auch ohne Mitglieder gut leben."

Man muss dazu wissen, dass Mitglieder das wichtigste für eine Gewerkschaft überhaupt sind - so wichtig wie Wähler für eine Partei und Gläubige für eine Kirche, wie der Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske das einmal ausgedrückt hat. Wer zu wenige Mitglieder hat, um mit einem Streik wenigstens wirksam drohen zu können, braucht zu Tarifverhandlungen gar nicht erst anzutreten. Wem die Mitglieder davonlaufen, dessen Forderungen werden auch auf Politiker bald keinen Eindruck mehr machen. Also strich Wetzel jede fünfte Stelle in der Zentrale und schuf sie in den IG-Metall-Büros quer durch die Republik neu. In dem 15-Stockwerke-Turm am Mainufer gewinnt man keine neuen Mitglieder, beim Windrad-Hersteller in Ostfriesland hingegen schon.

Ende vergangenen Jahres kam die IG Metall auf 2,26 Millionen Mitglieder; das hört sich nach einem Misserfolg an. Weniger als 2007. Aber es war das zweite Mal in Folge, dass die Zahl wieder gestiegen ist; nach dem Tiefpunkt, der 2010 erreicht worden war. Mit seiner Flex hat Wetzel es geschafft, den Trend umzukehren, aber er hat dafür bezahlen müssen: Bei der Wiederwahl zum Zweiten Vorsitzenden vor zwei Jahren erhielt er nur knapp 84 Prozent, zwölf Prozentpunkte weniger als Huber, der Good Cop in dem Duo. "Der Begriff Flex gefällt mir nicht", sagt Wetzel. "Aber wenn das der Preis dafür ist, dass ich die Realität benenne, nehme ich das in Kauf."