sueddeutsche.de: Spätestens im Jahr 2011 lasten auf Deutschland Schulden in Höhe von zwei Billionen Euro - überfordert sich der Staat?

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Sinn: Finanzminister Steinbrück hatte es letztes Jahr geschafft, die Nettoneuverschuldung fast auf null zu reduzieren. Das ist eine gute Ausgangsbasis für Schuldenprogramme. Der Anteil des Defizits am Staatshaushalt wächst in diesem Jahr auf schätzungsweise 3,7 Prozent. In allen Staaten steigen und steigen die Schulden, auch relativ zum Sozialprodukt, zumal das auch fällt. Die Amerikaner gehen 2010 auf 80 Prozent Schulden zu, vor kurzem hatten sie noch 50 Prozent. Das lässt sich nicht vermeiden - ansonsten würde die Weltwirtschaft richtig absacken. Dann hätten wir reale Einkommensverluste und wenig zu vererben. So oder so: Die zukünftigen Generationen sind mit im Boot.

sueddeutsche.de: Mehr Schulden, kaum Wachstum, die Hypotheken der Vergangenheit, der Staat als Retter: Wie entwickelt sich das Wirtschaftssystem weiter? Was tritt anstelle des Kasino-Kapitalismus?

Sinn: Das Kasino wird geschlossen. Es kann wieder der traditionelle Kapitalismus entstehen, der Vermögenswerte in großen Unternehmen sammelt und dadurch die Entwicklung des menschlichen Wohlstandes ermöglicht. Das ist doch klar: Der Kapitalismus ist die Erfolgsgeschichte der Neuzeit gewesen. Diesen guten Kapitalismus kann man wieder herstellen - indem man die Auswüchse, die wir jetzt im Bereich des Finanzmarktes gesehen haben, begrenzt.

sueddeutsche.de: "Guter Kapitalismus", das klingt beruhigend. Geht es nicht darum, das Dogma von der Deregulierung zu vergessen, und zu einem ganz neuen Zusammenspiel zwischen Politik und Wirtschaft zu kommen?

Sinn: Die Frage ist nicht: Mehr oder weniger Regulierung? Sondern: Welche Regulierung? Es geht um die Spielregeln, unter denen Private miteinander umgehen können. Diese Normen richtig festzulegen, das ist die Kunst. Wir brauchen beispielsweise Deregulierung am Arbeitsmarkt, wo der Staat mit Mindestlöhnen und Lohnersatzleistungen in die Strukturen eingreift und viel Schaden anrichtet. Gleichzeitig ist eine präzisere und wesentlich strengere Regulierung des Bankenwesens erforderlich.

sueddeutsche.de: Was heißt das genau?

Sinn: Wir bräuchten eine Kernkapitalquote von mindestens acht Prozent und eine bilanzielle Eigenkapitalquote von mindestens vier Prozent. Wenn man das als Regel setzen würde, würden sich einige deutsche Banken erheblich anstrengen müssen.

sueddeutsche.de: Und wenn sie es nicht schaffen, kommt in Ihrem Modell eben der Staat?

Sinn: Ja, dann beteiligt er sich. Die Amerikaner und die Briten sind diesen Weg schon gegangen. Es gibt keine andere Möglichkeit. Ich bin der Letzte, der sagen würde: Der Staat ist ein guter Banker.

sueddeutsche.de: Was bei den Landesbanken gut zu sehen ist. Sie stehen unter Aufsicht der Politiker - und haben in der Krise fast durchweg grandios versagt.

Sinn: Die Landesbanken haben ihr Geschäftsmodell durch die Abschaffung der Gewährträgerhaftung im Jahr 2005 verloren. Sie haben vorher, unter dem Schutz des Staates, eine sehr hohe Bonität gehabt und konnten sich sehr billig Geld beschaffen. Ein neues Geschäftsmodell kann nun nicht dadurch gewonnen werden, dass Landesbanken fusionieren. Die Kranken gemeinsam in ein Zimmer zu legen, macht sie nicht gesund.

sueddeutsche.de: Ihr Lösungsvorschlag?

Sinn: Eine vertikale Fusion mit den Sparkassen - wogegen sich die Sparkassen mit Händen und Füßen wehren. Sie wollen die Altlasten der Landesbanken nicht übernehmen. Dabei wäre es so einfach: Die Sparkassen sammeln das Geld in der Fläche ein und die Landesbanken legen das Geld auf den internationalen Kapitalmärkten an und verleihen es an Großkunden.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die "bad idea" mit der Bad Bank.

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