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Paul Krugman:Der Professor beliebt zu kämpfen

Mitten in der Finanzkrise bekommt Paul Krugman den sogenannten Wirtschaftsnobelpreis - ausgezeichnet wird damit auch seine leidenschaftliche Kritik an der Bush-Regierung.

Ein wenig verloren saß Paul Krugman in dem kahlen Seminarraum. Sein schwarzer Vollbart mit den charakteristischen weißen Einsprengseln verbarg ein weiches, schüchternes Gesicht. Ob es denn an den Finanzmärkten eine Verschwörung gegen bestimmte Länder gebe, wollte man von ihm wissen. Aber nein, sagte Krugman, Verschwörungen gebe es nicht, das sei Herdenverhalten. "Ich habe große Gruppen von Anlegern erlebt: Das sind keine hungrigen Wölfe, sondern eine sehr gefährliche Schafsherde - gefährlich, weil sie alle dasselbe tun."

Paul Krugman

Paul Krugman: Die Welt ist kompliziert, und man muss die Dinge zu Ende denken.

(Foto: Foto: dpa)

Das Interview der Süddeutschen Zeitung mit Paul Krugman fand im November 1997 in München statt. Damals erschütterte schon einmal eine große Krise die globalen Finanzmärkte. Thailand, Indonesien und andere asiatische Volkswirtschaften wurden in einen Strudel der Währungsspekulation gerissen. Krugman plädierte für Maßnahmen der praktischen ökonomischen Vernunft, er wandte sich gegen Schuldzuweisungen an die Spekulanten, sprach sich aber für begrenzte Kapitalkontrollen aus, um einige Länder vor den Exzessen dieser Spekulanten zu schützen.

Leidenschaftlicher Feldzug gegen Bush

Am Montag nun zeichnete das Komitee der Reichsbank von Schweden Paul Krugman mit dem Wirtschaftsnobelpreis (eigentlich Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank in Gedenken an Alfred Nobel) aus. Sie würdigte damit seine entscheidenden Beiträge zur Handelstheorie und zur Wirtschaftsgeographie. Aber das ist es nicht, was aus der Preisverleihung eine Sensation macht. Krugman, der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) Karriere machte und heute an der Universität Princeton lehrt, hat sich verändert. Mittlerweile ist der schüchterne Professor eine politische Berühmtheit geworden, einflussreich weit über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus.

Und das kam so: Im Jahr 1999 bot ihm die New York Times eine Kolumne an, die seither zweimal wöchentlich erscheint. Und die nutzt er inzwischen zu einem leidenschaftlichen Feldzug gegen US-Präsident George W. Bush. Es gibt in Amerika viele Publizisten, die sich dem Kampf gegen Bush verschrieben haben, aber Krugman ist sicher einer der wirkungsmächtigsten. Aus diesen Kolumnen sind mehrere populäre Bücher geworden, die meisten davon erschienen auch auf deutsch.

Derzeit versucht Krugman mit seinen Beiträgen zu verhindern, dass der Republikaner John McCain doch noch Nachfolger von Bush im Weißen Haus wird. Als er die Wirtschaftspolitik der Republikaner charakterisieren wollte, fiel ihm eine seiner vielen schönen Wortschöpfungen ein: "Know-Nothingism", was man frei als "Ich-weiß-nicht-ismus" übersetzen könnte.

Das sei die "Behauptung, dass es für jedes Problem eine einfache Lösung gibt, die man mit brutaler Macht durchsetzen kann und die sofortige Ergebnisse zeitigt". Das Motto der Partei sei es: "Ein richtiger Kerl denkt die Dinge nicht zu Ende." Krugmans Lebensmotto ist das genaue Gegenteil dessen. Die Welt ist kompliziert, und man muss die Dinge zu Ende denken.

Paul Krugman veröffentlichte seine entscheidenden Arbeiten zur Handelstheorie bereits 1979. Sie hatten einen nachhaltigen Einfluss auf die Außenwirtschaftstheorie und gelten heute als Teil der Standardlehre. Deshalb galt Krugman in der Fachwelt schon lange als Kandidat für den Nobelpreis. Hinderlich dabei schien allerdings gerade seine enorme Popularität zu sein. Das Preiskomitee wird sich scheuen, einen so politischen Ökonomen auszuzeichnen, wie Krugman dies ist, glaubten viele.

Ein Neu-Keynesianer

Jetzt hat das Komitee die politischen Bedenken hintangestellt, wenn es sie denn gab. Dass die Entscheidung gerade jetzt gefallen ist, am Ende der Ära Bush und mitten in der schwersten globalen Finanzkrise seit 80 Jahren, macht den Preis zu einem Politikum ersten Ranges, ob das nun bezweckt war oder nicht. Krugman hatte sich auch schon in die Debatte um Wege aus der Finanzkrise eingemischt. Er kritisierte die Pläne von US-Finanzminister Henry Paulson und sprach sich dafür aus, dass die Regierungen Kapital in die strauchelnden Banken stecken - so wie es die Europäer jetzt beschlossen haben.

Um die Bedeutung der Entscheidung von Stockholm zu würdigen, muss man 34 Jahre zurückblicken. Im Oktober 1974, mitten in der ersten Ölpreiskrise, vergab das Nobelkomitee den Preis an zwei Ökonomen: Gunnar Myrdal und Friedrich A. von Hayek. Die Auszeichnung für den Sozialisten und Entwicklungstheoretiker Myrdal erregte damals kein besonderes Aufsehen, wohl aber die des radikalliberalen Hayek.

Der Ökonom, der die Marktkräfte von praktisch allen Einschränkungen befreien wollte, war vom Mainstream der Wirtschaftswissenschaften in den sechziger und frühen siebziger Jahren praktisch ignoriert worden. Alle relevanten Ökonomen orientierten sich damals an Hayeks altem Gegner, John Maynard Keynes und dessen Ideen von der Konjunktursteuerung. 1974 aber zeigte sich, dass die Keynesianer keine Rezepte gegen die Folgen der Ölkrise hatten. Der Nobelpreis für Hayek wirkte wie ein Zündfunke, der die Renaissance marktwirtschaftlichen Denkens weltweit in Gang setzte.

In diesem Herbst wiederholen sich die Dinge, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Ein Teil des marktliberalen Paradigmas, dass nämlich Kapitalmärkte effizient sind und am besten funktionieren, wenn der Staat sich möglichst wenig einmischt, ist soeben grandios gescheitert. Ein US-Präsident, der den Marktliberalismus predigte (wenn auch nicht lebte), ist ebenso gescheitert. Und jetzt erhält dessen Gegner die höchste Ehre - es wäre ein Wunder, wenn dies nicht Auswirkungen weit über das Jahr 2008 hinaus hätte.

In diesem Zusammenhang ist Krugmans Beitrag zur Wirtschaftswissenschaft wichtig. Nach der klassischen Lehre führt freier Handel zu einer Art internationaler Arbeitsteilung: Jedes Land spezialisiert sich auf das, was es am besten kann. Die einen produzieren Hemden, die anderen Autos, die einen gehen eher arbeitsintensiv vor, die anderen eher kapitalintensiv. Jeder weiß jedoch, dass dies in Wirklichkeit anders ist.

Deutschland exportiert und importiert Autos, China produziert High-Tech-Produkte ebenso wie billigen Plastik-Tand. Krugman gelang es nun, die Realität dadurch zu erklären, dass er Phänomene wie die Vorteile der Massenproduktion, das Markenbewusstsein der Verbraucher und Transportkosten in die Theorie einbaute. Mit diesen zusätzlichen Instrumenten ausgestattet, können Handelstheoretiker nun zum Beispiel erklären, wie es zu Quasi-Monopolen im Handel und zu einem wachsenden Gefälle zwischen Metropolen und Peripherie kommt.

Krugman musste sich schon früh gegen den Missbrauch seiner Theorie wehren. Manche Ökonomen und Politiker glaubten, sie rechtfertige Protektionismus und den Kampf gegen die Globalisierung. 1992 schrieb er ein ganzes Buch gegen den "Pop-Internationalismus", also gegen alle, die behaupteten, die Globalisierung sei ein Kampf aller gegen alle, bei dem es nur Gewinner und Verlierer gebe. "Die wirklich wichtige Geschichte heißt Technologie, nicht Konkurrenz," schrieb er.

Krugmans Position lässt sich am besten als die eines Neu-Keynesianers bezeichnen. Er hat die Hybris der alten Keynesianer hinter sich gelassen, die meinten der Staat könne die gesamte Wirtschaft feinsteuern. Er hat sich aber auch früh der Magie der scheinbar ganz einfachen Marktlösungen entzogen. Er lehrt, welche Vorteile die Globalisierung für alle Beteiligten hat, aber auch, dass es einer klugen Wirtschaftspolitik bedarf, um diese Vorteile zu nutzen.

In einer Telefonkonferenz nach der Preisverleihung begrüßte er die jüngsten Hilfspakete für die Banken. "Ich habe heute ein bisschen weniger Angst als am Freitag", sagte er.

© SZ vom 14.10.2008/hgn
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