Hilfe von US-Diplomaten für Monsanto Dämonen und Depeschen

Furcht vor dem "populistischen Ministerpräsidenten Seehofer": In ausgewerteten amerikanischen Botschaftsdepeschen geht es dem Report einer Umweltorganisation zufolge fast doppelt so häufig um Firmeninteressen wie um Lebensmittelhilfen. Wie die US-Diplomatie für die Interessen von Monsanto kämpft.

Von Marianne Falck, Hans Leyendecker und Silvia Liebrich

Die Amerikaner spionieren mithilfe ihrer Geheimdienste nicht nur Regierungen, Behörden und Privatpersonen in der ganzen Welt aus. Sondern sie verstehen es auch, die Interessen ihrer Konzerne mit aller Macht in der Welt durchzusetzen. Ein eindrückliches Beispiel dafür ist der Agrarriese Monsanto, der weltweit führende Hersteller von genmanipuliertem Saatgut. Der Blick in die Welt von Monsanto zeigt: Das Unternehmen, das dem US-Militär im Vietnamkrieg das Pestizid "Agent Orange" geliefert hat, verfügt über enge Verbindungen mit der Machtzentrale in Washington, mit robusten Leuten aus dem Umfeld der US-Geheimdienste und mit privaten Sicherheitsfirmen. Dieser Artikel ist Teil eines Schwerpunktes zu Monsanto. Den ganzen Report lesen Sie in der Wochenendausgabe der SZ an diesem Samstag auf den Seiten 28 und 29.

Vor ein paar Jahren veröffentlichte WikiLeaks 251.287 amerikanische Botschaftsdepeschen. Die "Cablegate" genannte Aktion war aus deutscher Sicht eher ein Spektakel. Die Welt erfuhr, was US-Diplomaten von der deutschen Regierungschefin (Teflon-Kanzlerin) und vom Bundesaußenminister (inkompetent) hielten, aber echte Geheimnisse waren das eigentlich nicht.

Ein Teil der Depeschen allerdings erlaubt neue Einblicke in die Lobbyarbeit von US-Diplomaten für amerikanische Unternehmen. Zum Teil sind das diplomatische Bemühungen auf hohem Niveau. Man kümmert sich wirklich um die eigenen Firmen. Auch um Monsanto.

Die gentechnikkritische Organisation Food & Water Watch hat 900 Depeschen ausgewertet, die sich - zum Teil jedenfalls - mit dem Agrar-Multi Monsanto beschäftigen. In dem Schriftverkehr geht es vor allem darum, wie sich Wissenschaftler, Landwirte, Journalisten, Politiker und Regierungsvertreter vom "Segen" der Gentechnik überzeugen lassen könnten und wie man mit Risiken umgehen kann.

Manchmal auch wird die Frage thematisiert, wie Gesetze und Regulierungen für den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen beeinflusst werden könnten. In den Depeschen sei es fast doppelt so häufig um Firmeninteressen gegangen wie um Lebensmittelhilfen, heißt es in dem Report. Andererseits wird das Monsanto-Kritiker nicht verwundern.

Die Diplomaten-Lecks liefern auch Aufschlüsse über die Lage in Bayern, wo die Gegner Monsantos besonders zahlreich und zum Teil auch einflussreich sind. Im November 2008 beispielsweise klagten zwei Top-Manager von Monsanto beim amerikanischen Generalkonsul in München ihr Leid und der ließ es aufschreiben.

In Bayern sei die Ablehnung von Gentech-Pflanzen mittlerweile so groß, dass Monsanto als Marke Schaden nehme. Die Diplomaten notierten die Sorge der Monsanto-Leute, dass der "populistische Ministerpräsident Seehofer" und sein damaliger Umweltminister Markus Söder das Imageproblem noch verschärfen könnten. Monsanto werde "dämonisiert", weil die Politiker die Gentechnik ablehnten und nur darüber reden würden. Dabei konzentriere sich Monsanto in Deutschland schon lange auf den Verkauf von konventionell gezüchtetem Saatgut, weil mit Gentechnik kein Geschäft zu machen sei. Das Image der gesamten Marke sei gefährdet, weil nur noch über die Gentechnik geredet werde, obwohl das Geschäft mit dem Monsanto-Mais MON810 fast nur noch "ein Hobby" sei. Es sei schwierig geworden, überhaupt noch Termine in den Ministerien zu bekommen, klagen die Monsanto-Manger und die Spitze des Bauernverbandes in Bayern sei "voller Hass".

Das US-Konsulat in München verspricht, sich bei der bayerischen Regierung dafür stark zu machen, dass Monsanto "fair" behandelt werde. Aber hoffnungsvoll klingt das nicht. Als die Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) 2009 die Gentech-Maissorte MON810 von deutschen Äckern verbannt, fällt die Reaktion des Konzerns eher routiniert aus. Monsanto verklagt die Bundesregierung - und verliert dann in zwei Instanzen vor Gericht.

Die US-Diplomaten, die sich darauf verstehen, hinter den Kulissen aggressiv zu agieren, suchen im Fall Monsanto offenkundig nach der richtigen Strategie für Europa. So wird in einem diplomatischen Schriftstück vom 16. April 2009 die "Notlage von MON810" beschrieben. Deutschland verbietet zu jener Zeit die umstrittene Genmais-Sorte. Sorgen bereitet den Diplomaten zugleich die Neuwahl des Europäischen Parlaments. Es gehe wieder mal um die Zukunft von MON810: "Daher ist es zwingend notwendig, neue und kreative Wege zu finden, um mit einem neuen Parlament und einer neuen Kommission zu arbeiten." Man wolle eine Erneuerung der Zulassung von MON810 und eine Aufhebung der Verbote von Mitgliedsstaaten, sondern auch die Zulassung weiterer Produkte in der "Gentech-Pipeline" erreichen.