Hauptversammlung der Commerzbank Orgie der Kapitalvernichtung

Commerzbank-Boss Martin Blessing (links) und sein Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller (rechts) bei der Hauptversammlung der Bank in Frankfurt.

(Foto: dpa)

So explosiv war die Stimmung noch nie: Aktionäre der Commerzbank attackieren auf der Hauptversammlung den Kurs des Managements. Denn Bankchef Blessing denkt zuerst an den Steuerzahler und dann erst an die Anteilseigner.

Von Andrea Rexer, Frankfurt

Der Saal bebt. "Man muss diese Herren entlassen und nicht entlasten", fordert der streitbare Aktionär Karl-Walter Freitag unter Applaus und Johlen der rund 4400 anwesenden Aktionäre. Noch nie war die Stimmung auf einer Hauptversammlung der Commerzbank so explosiv. Zum fünften Mal in vier Jahren bittet die Bank ihre Anleger um frisches Geld. "Kapitalerhöhungsorgie" nennen das inzwischen selbst moderate Aktionärsschützer. "Wenn man die Aktien in Originalgröße drucken würde, könnte man damit den Weg zum Mond sieben Mal pflastern", rechnet Freitag vor.

Die Aktionäre haben in den vergangenen Jahren viel Geld verloren. Der Aktienkurs der Bank ist seit dem Ausbruch der Finanzkrise von über 30 Euro auf 1,20 Euro abgesackt. Und jetzt will die Bank erneut 2,5 Milliarden Euro am Kapitalmarkt ein-sammeln, um dem Staat seine stille Einlage von rund 1,2 Milliarden Euro zurückzahlen zu können und den Kapitalanforderungen der Regulatoren gerecht zu werden. Die Verwässerung für die Alt-Aktionäre nimmt die Bank damit in Kauf. "Es reicht", schimpft Klaus Nieding von der Aktionärsvertretung DSW. "Wir werden der Kapitalerhöhung nicht zustimmen."

Schon nach wenigen Rednern, die ans Pult in der Frankfurter Messehalle treten, ist klar: Würde die Abstimmung bei der Hauptversammlung nach Köpfen verlaufen, könnte die Bank ihre Kapitalerhöhungspläne begraben. Der "Einstieg in den Ausstieg des Staates", wie es Martin Blessing nennt, wäre damit erledigt. "Wir haben von Anfang an gesagt: Wir wollen alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um die Mittel des Bundes so schnell wie möglich zurückzuführen. Das sind wir dem Steuerzahler schuldig."

Noch gehören dem Staat 25 Prozent der Anteile - und mit diesem Gewicht kann er die restlichen Eigentümer "niederstimmen", wie es ein Aktionär nennt. Mit der Kapitalerhöhung wird der Staatsanteil auf rund 20 Prozent sinken. Wann die Öffentliche Hand ihr Aktienpaket verkaufen wird, ist ungewiss. Eingestiegen war der Bankenrettungsfonds im Jahr 2009 zu einem Kurs von über 3,50 Euro. Um beim Ausstieg keinen Verlust zu machen, müsste sich der Kurs mehr als verdoppeln.

Wären Vertreter der Steuerzahler in die Messehalle gekommen, ginge es ihnen wohl nicht viel anders als den Kleinaktionären: Deren Stimmung schwankt zwischen Wut, Frust und Ratlosigkeit. Schon im Shuttle-Bus zur Hauptversammlung debattieren sie heftig über die Bank. "Vielleicht zahlen sie uns ja nächstes Jahr wieder eine Dividende, wenn die stillen Einlagen ganz zurückbezahlt sind", sagt eine ältere Dame. Doch die Hoffnung wird von ihrem Gegenüber gleich niedergeschmettert: "Glauben Sie etwa an den Weihnachtsmann? Sie können froh sein, wenn noch Brötchen da sind, wenn wir kommen."

Ein kleiner Imbiss und ein Getränk - mehr scheinen viele Aktionäre von der Bank nicht mehr zu erwarten. Viel Hoffnung auf Gewinne macht Bankchef Blessing seinem Publikum auch nicht. Für das erste Quartal erwartet die Bank sogar einen Verlust. Grund dafür sind vor allem die Kosten für das Ausscheiden von rund 6000 Mitarbeitern. Dafür wurden 500 Millionen Euro Restrukturierungsaufwand verbucht, erläutert Blessing.