Hans-Böckler-Stiftung Wie stark Geringverdiener vom Mindestlohn profitieren

  • Nach Einführung des Mindestlohns ist in Niedriglohnbranchen die sozialabgabenpflichtige Beschäftigung gestiegen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung.
  • Zugleich sank die Zahl der Minijobber dramatisch - für die Autoren der Studie ein positives Signal.
Von Thomas Öchsner, Berlin

Am Anfang gab es Schreckensszenarien: Der Mindestlohn, warnten Ökonomen, werde Hunderttausende Jobs kosten. Nun, fast ein Jahr nach seiner Einführung, wird immer gewisser: Die Lohnuntergrenze von 8,50 Euro hat das deutsche Jobwunder nicht negativ beeinflusst. In traditionellen Niedriglohnbranchen ist die sozialabgabenpflichtige Beschäftigung sogar gestiegen. Zu diesem Ergebnis kommt das Wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Der WSI-Forscher Thorsten Schulten wertete dafür die Beschäftigtenstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) aus. Danach sind bundesweit innerhalb eines Jahres bis Ende September 2015 knapp 688 000 mehr reguläre Stellen neu entstanden. Den stärksten Zuwachs mit einem Plus von 6,5 Prozent weist dabei das Gastgewerbe auf. Auch in anderen klassischen Niedriglohnbranchen wie bei den Wachdiensten, der Gebäudereinigung oder den Callcentern verzeichnet die BA-Statistik einen überdurchschnittlich starken Zuwachs an sozialversicherungspflichtigen Stellen - obwohl der Mindestlohn dort vielen Arbeitnehmern Gehaltszuwächse beschert haben dürfte.

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Gleichzeitig ist aber die Zahl der Minijobs, für die die 8,50-Euro-Untergrenze ebenfalls gilt, deutlich zurückgegangen: Diese sank innerhalb eines Jahres bis September 2015 um mehr als 128 000. Schulten vermutet deshalb, dass die Arbeitgeber einen erheblichen Teil dieser Minijobs in reguläre Stellen umgewandelt haben. Denn allein im Gastgewerbe, im Handel und den "sonstigen Dienstleistungen" - alles Branchen, in denen die 450-Euro-Jobs stark verbreitet sind - seien binnen eines Jahres 215 000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze neu entstanden. Auf dieses Phänomen hatte bereits die Bundesbank aufmerksam gemacht. In den Dienstleistungsbranchen seien "zusätzlich zum bisherigen Aufwärtstrend" neue Stellen geschaffen worden, heißt es in ihrem Monatsbericht für August. Dies deute darauf hin, "dass eine Umwandlung oder Zusammenfassung in sozialversicherungspflichtige Stellen als Reaktion auf die Einführung des allgemeinen Mindestlohns stattgefunden hat". Davon abgesehen seien dessen Folgen "auf das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen im aktuell günstigen Konjunkturumfeld sehr begrenzt".

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Für den WSI-Ökonomen Schulten ist daher klar: "Die Warnungen, der Mindestlohn gefährde massenhaft Arbeitsplätze, waren offensichtlich falsch." Er weist darauf hin, dass durch die neue Lohnuntergrenze gerade weniger qualifizierte Arbeitnehmer an Kaufkraft gewonnen hätten. Auch dies hatte bereits die Bundesbank in ihrem Monatsbericht notiert: "Die Brutto-Stundenvergütungen (ohne Sonderzahlungen) der un- und angelernten Arbeitnehmer in Ostdeutschland stiegen im Winter 2015 mit 9,3 beziehungsweise 6,6 Prozent etwa dreimal so stark wie in den oberen beiden Leistungsgruppen", also für leitende Angestellte oder besondere Fachkräfte. Gustav Horn, Chef des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, sagt: Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage werde dadurch gestärkt, "dass der Mindestlohn einen Sog nach unten bei der Bezahlung verhindert".