Griechenland Im freien Fall

Die Griechen sparen nicht genug. Sagt Europa. Die Griechen tun nichts als demonstrieren. Sagt Europa. Aber wissen wir wirklich, welche dramatischen Auswirkungen die Krise auf die Bevölkerung hat? Reise in ein Katastrophengebiet, in dem Hunderttausende ihre Arbeit verlieren, Eltern ihre Kinder nicht mehr ernähren können und die gesamte Mittelschicht vor dem Untergang steht.

Von Alex Rühle und Kai Strittmatter, Athen

Man könnte solch eine Rundreise durch ein zerstörtes Land anfangen mit den SOS-Kinderdörfern, in denen verarmte Eltern mittlerweile ihre Kinder abgeben. Mit den Mathematikstudenten in Thessaloniki, die nachmittags, wenn der Markt schließt, in den Mülltonnen nach Gemüse wühlen. Oder damit, dass die griechische Sektion von Ärzte der Welt ihre Leute aus Uganda, Äthiopien und anderen Dritte-Welt-Ländern abgezogen hat, weil sie sie mittlerweile alle zu Hause brauchen. Aber SOS-Kinderdorf und Ärzte der Welt, das klingt so fern, nach Bolivien und Bürgerkrieg, statt nach Westeuropa und EU.

Immer mehr Ökonomen warnen eindringlich davor, Griechenland kaputtzusparen. 2012 wird das fünfte Jahr in Folge sein, in dem die Wirtschaft schrumpft. 2011 sank die Wirtschaftsleistung um sieben Prozent.

(Foto: Getty Images)

Fangen wir also lieber mitten in der Mittelschicht an, in einer Grundschule in Heliopolis, einem Stadtteil von Athen, den man bis vor kurzem als gutbürgerlich bezeichnet hätte. In dem Raum, in dem die 45-jährige Voula Tousi tagsüber eine sechste Klasse unterrichtet, ist es klamm an diesem Abend, die Wand hinter dem Lehrerpult schimmert noch feucht vom letzten Regen.

Unten im Gemeinschaftsraum ist gerade Elternbeiratssitzung, Voula Tousi hat uns nur kurz hergeführt als Antwort auf die Frage, ob sie im Unterricht die Krise spüre. "Vorhänge, die neue Tafel, das haben wir immer schon von Spenden gezahlt. Klopapier müssen die Kinder selbst mitbringen. Aber bisher gab es immerhin Schulbücher." Sie zieht kopierte Zettel aus einer Schublade: Die Klasse hat kein Englischbuch, Tousi kopiert zu jeder Stunde eine Seite aus ihrem alten Exemplar. In der Parallelklasse fehlt das Mathebuch.

Tousi neigt nicht zu Empörungsrhetorik, im Gegenteil, sie erzählt all das mit einem Achselzucken, als wolle sie sagen, ist eben so. Nur das Rundschreiben, das lässt ihr keine Ruhe. Dieser Brief der Stadtverwaltung, der an diesem Abend unten im Elternbeirat diskutiert wird: Da immer öfter Kinder wegen Mangelernährung im Unterricht ohnmächtig werden, sollen die Lehrer Listen erstellen, damit all diese Kinder in der Kantine umsonst zu essen bekommen.