Glencore Paradise Papers enthüllen geheime Geschäfte des Schweizer Rohstoffriesen Glencore

Paradise Papers - die Schattenwelt des großen Geldes.

(Foto: Illustration: Bene Rohlmann)

Ein machtbesessener Präsident, ein einflussreicher Ex-Minister, ein gewiefter Geschäftsmann und ein verschwiegener Schweizer Konzern: Warum der Kongo bettelarm ist, obwohl dort Bodenschätze für die ganze Welt liegen - ein Wirtschaftskrimi aus dem Herzen Afrikas.

Der Schweizer Rohstoffkonzern Glencore war möglicherweise in korrupte Geschäfte in der Demokratischen Republik Kongo verwickelt. Die Bergbaugesellschaft Katanga Mining, die heute mehrheitlich Glencore gehört, beauftragte nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung im Zuge von Minen-Verhandlungen in den Jahren 2008 und 2009 den umstrittenen israelischen Geschäftsmann Dan Gertler. Am Ende des monatelangen Ringens zwischen Katanga Mining und der kongolesischen Seite verzichtete das Land auf mehrere hundert Millionen Dollar. Die Vorgänge wecken den Verdacht, dass im Zuge der Verhandlungen einer oder mehrere kongolesische Politiker oder Beamte bestochen wurden. Das ergibt sich aus Daten und Unterlagen, die der Süddeutschen Zeitung zugespielt wurden. Die Rechercheergebnisse werden in den kommenden Tagen weltweit unter dem Titel "Paradise Papers" veröffentlicht.

Die Süddeutsche Zeitung hat die Paradise Papers zusammen mit dem NDR, dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) und Journalisten des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) ausgewertet. Die Unterlagen zeigen, wie Gertler im Jahr 2008 vom Aufsichtsrat der Katanga Mining damit beauftragt wurde, mit "kongolesischen Behörden" zu verhandeln. Die Gespräche über die Bergbaugesellschaft Katanga Mining waren zuvor ins Stocken geraten. Gertlers Firmen standen wegen ihrer Geschäfte schon damals in der Kritik, sowohl seitens des kongolesischen Parlaments als auch der Vereinten Nationen. Glencore war damals als Anteilseiger im Aufsichtsrat der Katanga Mining vertreten.

Am Ende der Verhandlungen unterschrieb die staatliche kongolesische Minengesellschaft einen Vertrag, dem zufolge sie statt zwischenzeitlich geforderter 585 Millionen US-Dollar für Minenlizenzen nur noch 140 Millionen US-Dollar bekäme. Der Demokratischen Republik Kongo - einem der ärmsten Länder der Welt - entging somit ein Vermögen. Glencore und Gertler profitierten davon: Sie brachten die Katanga-Mine im Jahr 2009 mehrheitlich unter ihre Kontrolle.

Glencore und Gertler bestreiten jedes Fehlverhalten und widersprechen dem Verdacht, der Kongo habe in Geschäften mit ihnen verloren. Gertler ließ auf Anfrage mitteilen, dass er jegliche Korruptionsvorwürfe zurückweise, ebenso die Kritik der UN und des kongolesischen Parlaments. Auf Anfrage betonte Gertler, dass die staatliche kongolesische Minengesellschaft durch den in den Jahren 2008 und 2009 ausgehandelten Vertrag besser dastehe als vorher.

Im Rahmen einer gerichtlichen Vereinbarung mit amerikanischen Strafverfolgern hat ein US-Hedgefonds namens Och-Ziff im Jahr 2016 zugegeben, dass die kongolesische Regierung bestochen worden sei, um Zugriff auf Minen im Land zu erhalten. Die US-Behörden nahmen dabei einen "israelischen Geschäftsmann" unter die Lupe, der zwischen 2005 und 2015 zusammen mit anderen mehr als 100 Millionen US-Dollar an Korruptionszahlungen an kongolesische Beamte und Regierungsmitglieder veranlasst haben soll, um sich günstige Geschäftsmöglichkeiten im Kongo zu sichern. Der "israelische Geschäftsmann" habe etwa die Überweisung von 18,5 Millionen Dollar an einen Beamten angeordnet - etwa im selben Zeitraum, als auch die Verhandlungen um die Katanga-Mine stattgefunden hatten. Dieser "israelische Geschäftsmann", heißt es in dem "Deferred Prosecution Agreement", kontrolliere die Firma Lora Enterprises. Das ist eine Firma, hinter der Dan Gertler steckt.

Gertler erklärte zu den Vorwürfen aus dem US-Dokument zum Fall Och-Ziff, es handle sich dabei lediglich um eine Verständigung zwischen dem amerikanischen Justizministerium und dem US-Hedgefonds. Er selbst sei nicht angehört worden und weise sämtliche Vorwürfe zurück. Einige Dokumente, die dem Justizministerium vorgelegt worden seien, seien falsch und haltlos.

Der Schweizer Rechtsexperte Mark Pieth kommt zu dem Ergebnis, dass Glencore die Geschäftsbeziehung zu dem umstrittenen Unternehmer Gertler im Jahr 2008 hätte stoppen müssen. "Glencore hat entweder keine konsequente Prüfung ihres Geschäftspartners gemacht, oder sie wussten, dass es ein Korruptionsrisiko gab, und haben es bewusst in Kauf genommen." Die Vereinten Nationen hatten die Geschäfte einer Gertler-Firma mit dem Kongo in einem Bericht aus dem Jahr 2001 als einen "Albtraum" bezeichnet. Zudem war im Jahr 2005 eine Kommission des kongolesischen Parlaments zu dem Schluss gekommen, eine Firma aus Gertlers Umfeld habe einer staatlichen Minengesellschaft einen Kredit zu wucherhaften Konditionen gegeben.

Inzwischen sind weitere Details über Gertlers Geschäfte im Kongo öffentlich geworden: Im Mai 2013 hat ein Expertenteam unter Vorsitz des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan festgestellt, dass der Kongo allein zwischen 2010 und 2012 in fünf dubiosen Deals Schürfrechte weit unter ihrem wahren Wert verschleudert und dadurch mehr als 1,3 Milliarden Dollar verloren haben soll - "fast doppelt so viel wie das gesamte Jahresbudget 2012 für Gesundheit und Bildung". An all diesen Geschäften war demnach eine Gertler-Firma beteiligt. Gertler bestreitet die Vorwürfe des "Africa Progress Panel" und sagt, seine Firma sei dazu nicht angehört worden.

Glencore hat Gertler im Frühjahr 2017 die Anteile aus gemeinsamen Minenunternehmen im Kongo abgekauft. Experten sehen darin einen Versuch des Unternehmens, sich von dem umstrittenen Geschäftsmann zu distanzieren.

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