Geschäfte der Deutschen Bank mit Kommunen Butterfahrt ins Schlosshotel

Im Mai 2007, kurz vor Ausbruch der Finanzkrise, diente die Deutsche Bank einigen Kommunalpolitikern hochriskante Wertpapiere an. Wurden hier Gefahren bewusst verheimlicht? Die Vorwürfe richten sich auch an Anshu Jain, der Anfang Juni Vorstandschef wird.

Von Hannes Vogel

Schlosshotel Kronberg, am Rande des gleichnamigen Örtchens im Taunus gelegen. Es ist ein Denkmal der Kaiser-Wilhelm-Zeit. Gobelins, Empire-Kommoden und Ölgemälde englischer Hochadeliger verströmen den Charme einer längst vergangenen Epoche. Eine Epoche, in der Geschäftsleute Wert auf Ehrlichkeit und Verlässlichkeit legten und in der die Deutsche Bank die ersten großen Geschäfte machte. Wer das 1889 erbaute Schloss betritt, taucht ein in "eine Welt für sich", ganz so, wie es die Hoteliers versprechen. Nur eine halbe Stunde Autofahrt ist Kronberg von der Zentrale der Deutschen Bank im Frankfurter Finanzzentrum entfernt, und dennoch liegen Welten zwischen beiden Orten.

Die Investmentbanker des größten deutschen Geldinstituts setzen auf die Wirkung der historischen Mauern, als sie am 10. und 11. Mai 2007 einige Geschäftsführer und Finanzchefs von städtischen Unternehmen ins Schlosshotel einladen. Es ist ein sonniger Freitagmorgen. Frühling im Taunus, Gute-Laune-Wetter. Und die Banker hoffen, hochkomplexe, hochriskante Wertpapiere in Millionenhöhe an die Kommunalmanager loszuwerden, an Spitzenkräfte des Öffentlichen Diensts. Das ergibt sich aus den Präsentationsunterlagen, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen.

Wer heute mehr über diese Geschäfte erfahren will, muss eine Mauer des Schweigens durchbrechen. Ein hochrangiger Ex-Manager der Deutschen Bank sagt ein Treffen in letzter Minute ab. Teilnehmer, die man zur Veranstaltung im Schlosshotel befragen will, blocken ab. Andere beginnen hektisch, das Telefongespräch aufzuzeichnen. In Hotelbuchungssystemen, aus denen Veranstaltungen nicht gelöscht werden dürfen, ist das Treffen nicht aufzufinden, sagt eine Person, die Zugriff hat.

Vielleicht liegt es daran, dass das diskrete Treffen im Schlosshotel in eine Zeit fällt, die Investmentbanker, auch die der Deutschen Bank, am liebsten vergessen wollen. Eine Flut von Klagen überschwemmt derzeit das Frankfurter Institut - mindestens eine Milliarde Euro hat die Bank für diese Rechtsstreitigkeiten in den kommenden Jahren zurückgelegt.

Da sind zum Beispiel renitente Institutionen aus den USA. Die Börsenaufsicht ermittelt; die Regierung von Barack Obama, der Lehrerpensionsfonds (TIAA), die Hausfinanzierungsbehörde (FHFA) sowie Versicherungen und Banken haben die Deutsche Bank verklagt. Sie alle fühlen sich mit US-Immobilienpapieren betrogen, die das Geldhaus aus Frankfurt in der Zeit vor der Finanzkrise als sichere Investments verkauft hatte. Der Vorwurf ist immer gleich: Die Deutsche Bank habe selbst gegen die Produkte gewettet, sie soll Investoren betrogen und getäuscht haben, weil sie den wahren Wert der faulen Papiere verheimlichte, die einige ihrer Kunden ruinierten - und die Welt in die Finanzkrise stürzten.

Es sind Vorwürfe, die sich vor allem an die Adresse von Anshu Jain richten. Der Inder hat von London aus über viele Jahre als Vorstand die Investmentgeschäfte gesteuert und verantwortet. Und er steigt am 1. Juni zum Vorstandschef der Deutschen Bank auf. Sind seine Investmentbanker Bombenleger gewesen, die Sprengsätze in den Bilanzen von Kunden platzieren wollten, die nur wenig später explodierten?

Vertrauliche Präsentationen der Deutschen Bank sowie E-Mails und Aussagen mehrerer Beteiligter legen den Schluss nahe, dass Jains Investmentbanker versuchten, dieselben fragwürdigen Geschäfte, wegen denen sie nun in Amerika verklagt werden, kurz vor Ausbruch der Finanzkrise auch in Deutschland zu machen - auf Kosten der Steuerzahler. Die Bank hatte schon vorher Kommunen wie Pforzheim dubiose Papiere verkauft, Wetten auf Zinsentwicklungen zum Beispiel, die sich später als äußerst verlustbringend herausstellten. 2011 hat der Bundesgerichtshof die Bank in einem Fall zu Schadensersatz verurteilt. Kronberg im Frühjahr 2007 aber hat eine besondere Qualität, da die Finanzkrise schon heranzieht. Die dunklen Wolken sind unverkennbar.

Im Schlosshotel scheuen die Manager der Bank an jenen Mai-Tagen keine Kosten: Am Abend vor ihrer Präsentation suchen die Banker Nähe zu den Stadtmanagern. Tagesordnungspunkt "Abendessen im Schlosshotel": Man speist von silbernen Tellern in einem Salon mit seidenen Tapeten und Stuckdecken. Eine hochprofessionelle Roadshow, aber im Prinzip nichts anderes als eine Butterfahrt für Kommunalmanager. "Mir kam das Ganze windig vor", sagt einer, der dabei war, aber seinen Namen nicht gedruckt lesen will. "Wenn ich auf ein Schloss mit allem Luxus und Komfort eingeladen werde, weiß ich: Hier will jemand viel Geld verdienen."

Was die Bank den Kommunalmanagern als vermeintlich todsicheres Geschäft andienen will, sind sogenannte synthetische Collateralized Debt Obligations (CDO), mit Schulden besicherte Schuldscheine. Wer sie kauft, bekommt eine Versicherungsprämie von der Bank, nimmt ihr im Gegenzug aber undurchschaubare Risiken ab. Im Prinzip ist das eine Wette rund um den Ausfall Dutzender Kredite und Anleihen: Die Bank will beim Staat Risiken in Millionenhöhe versichern - und macht ihn zum Zocker.