Gefahren für die Weltwirtschaft Auch ein fallender Ölpreis kann zerstörerisch sein

Ölförderung in Kalifornien: Weil in den USA das Fracking boomt, sinkt der Ölpreis trotz guter Konjunktur und der Kriege in der Ukraine und im Irak.

(Foto: dpa)
  • Öl ist auf den Rohstoffmärkten so billig wie seit sechs Jahren nicht mehr.
  • Das ist zwar gut für die Verbraucher und fördert auch die Konjunktur in den Industriestaaten. Aber Länder wie Venezuela, Iran und Russland, deren Wirtschaft vom Ölexport abhängig ist, geraten in eine Schieflage.
  • Noch dramatischer sind die Folgen für das Klima, jedenfalls auf längere Sicht. Der Zwang, bei der Energieerzeugung auf erneuerbare Energien umzusteigen, lässt nach.
Von Ulrich Schäfer

Es gibt Bilder, die sich in das kollektive Gedächtnis der Nation eingebrannt haben. Bilder, wie sie im Jahr 1974 in Deutschland aufgenommen wurden: Tausende von Menschen spazieren über die Autobahnen, an vier autofreien Sonntagen in Folge. Denn der Ölpreis war auf ein bis dahin nie gekanntes Niveau gestiegen, er hatte sich binnen eines Jahres vervierfacht.

Die Welt erlebte damals nach dem Yom-Kippur-Krieg, auf den die Opec mit einem Embargo gegen die USA reagierte, die erste große Ölkrise. Nur sechs Jahre später folgte die nächste. Sie wurde durch den ersten Golfkrieg ausgelöst. Und 1990 schließlich, als der Irak in Kuwait einmarschierte, kam die dritte Ölkrise. Auch 2007 und 2008 schnellte der Preis für ein Fass Rohöl, etwa 159 Liter, in die Höhe und erreichte einen zuvor nie gesehenen Wert: 150 Dollar.

Und nun? Die Welt erlebt wieder einen Ölpreisschock. Doch diese Krise ist anders. Der Preis für Rohöl steigt nicht, sondern er fällt, und er fällt so schnell, dass er die gesamte Weltwirtschaft durcheinander bringt: Länder wie Russland geraten in Schieflagen. Ölfirmen müssen Personal entlassen. Der US-Öl-Dienstleister Schlumberger entlässt 9000 Mitarbeiter. BP muss Hunderte Arbeitsplätze in der Nordsee streichen. Der US-Konzern Conoco-Philips kündigte einen Stellenabbau an. Norwegen kappt die Investitionen in seine wichtige Ölförderung. Auch ein fallender Ölpreis kann zerstörerisch sein.

Innerhalb eines halben Jahres hat sich der Ölpreis mehr als halbiert und ist zuletzt auf 45 Dollar gefallen - und das trotz der Kriege im Irak und der Ukraine. Solche Konflikte hätten in früheren Zeiten den Ölpreis nach oben getrieben. So war es während der Golfkriege. Heute fällt er trotzdem.

Dieser Absturz ist auch anders als der vor sechs Jahren. Im Herbst 2008 gingen die Notierungen für ein Fass Rohöl binnen weniger Monate von 147 Dollar bis auf 34 Dollar zurück, weil die Weltwirtschaft in die Knie gegangen war. Diesmal sinkt der Preis, obwohl es einen solchen Konjunktureinbruch nicht gibt. Und mit dem Öl werden auch Benzin oder Heizöl billiger, wovon die Verbraucher profitieren wie die Unternehmen: Der Preis für einen Liter Diesel fiel diese Woche an einigen Tankstellen erstmals unter die Marke von einem Euro.

Warum es viel zu viel Öl gibt

Der Ölpreis fällt, derzeit sogar unter die Marke von 50 Dollar. Zeit, mit einem Märchen aufzuräumen: Es gibt nicht zu wenig, sondern zu viel von dem Rohstoff. Das heute verfügbare Öl könnte locker reichen, um der Welt eine Klimakatastrophe zu bescheren. Kommentar von Jan Willmroth mehr ... Kommentar

Fracking machte die Revolution auf dem Enegeriemarkt möglich

Es gibt viele Gründe für den Absturz des Ölpreises, aber sie haben vor allem damit zu tun, dass sich an den Weltenergiemärkten ein historischer Umbruch vollzieht - ein Umbruch, den noch vor gut fünf Jahren kaum jemand absehen konnte. Als George W. Bush sein Amt als amerikanischer Präsident abgab, nach einem langen Krieg im Irak, in dem es auch ums Öl ging, konnte sich niemand vorstellen, dass die Vereinigten Staaten innerhalb weniger Jahre zum weltweit größten Erdölproduzenten aufsteigen würden.

Diese Revolution wurde möglich durch das Fracking: Die Amerikaner pressen mit Hilfe einer besonderen Technik riesige Mengen von Schieferöl (und auch von Schiefergas) aus der Erde. Das Verfahren ist wegen seiner Auswirkungen auf die Umwelt hochumstritten, aber Fakt ist: Das Fracking ermöglicht es den Amerikanern, sich aus einer jahrzehntelangen Abhängigkeit zu befreien. Sie sind nicht mehr in gleicher Weise wie früher auf das Öl der arabischen Welt angewiesen. Früher mussten die Amerikaner Kriege führen, um sich den Zugriff auf genug Erdöl zu sichern; heute müssen sie nur noch Tausende von Löchern in den Boden treiben und das "shale oil" aus der Erde zu pressen.

Bohren statt Bomben, Fracking statt F-15-Kampfjets: Dies eröffnet den USA neue geopolitische Optionen. Der jahrzehntelange Druck, sich mit kriegerischen Mitteln oder machtvoller Diplomatie den Zugriff auf das Öl anderer Länder zu sichern, lässt nach. Zugleich ermöglichen das billige Öl (und das billige Gas) den Amerikanern, ihre Wirtschaft zu modernisieren. Das Land erlebe, schwärmt Präsident Barack Obama, eine "Re-Industrialisierung". Gerade energieintensive Branchen wachsen, was auch Unternehmen aus Europa anlockt, die nun lieber in den USA investieren.

Die Amerikaner haben ihre Rohölförderung innerhalb von fünf Jahren, zwischen 2008 und 2013, um beinahe die Hälfte erhöht, und auch deshalb werden jeden Tag auf der gesamten Welt 1,5 bis zwei Millionen Barrel mehr gefördert, als nachgefragt werden. Früher hätte die Förderländer-Organisation Opec, als sie noch den Markt dominierte, in solch einer Situation kurzerhand ihre Liefermengen reduziert. Sie hätte das Angebot verknappt, um den Preis wieder nach oben zu treiben. Auch dies ist anders in der jetzigen (Billig-)Ölkrise: "Es ist nicht im Interesse der Opec-Staaten, die Produktion zu kürzen", verkündete der saudische Öl-Minister Ali Al-Naimi. Es sei, so der Vertreter der mächtigsten Opec-Nation, "egal, ob der Preis auf 20, 40, 50 oder 60 Dollar fällt."

Weitere Folgen der Serie

Montag: Russland in der Krise

Dienstag: Amerika orientiert sich um

Mittwoch: Die Folgen für Verbraucher

Donnerstag: Die Welt sortiert sich neu

Freitag: Wie die Konzerne reagieren

Samstagsessay: Und das Klima?

Zum Schluss: Bosch-Chef im Interview

Mögliches Bündnis zwischen Saudis und Amerikanern

Warum die Saudis die Produktion nicht drosseln wollen, darüber gibt es verschiedene Spekulationen. Manche vermuten, sie seien ein stilles Bündnis mit den Amerikanern eingegangen, weil diese durch einen niedrigen Ölpreis Russland schaden wollen. Die russische Wirtschaft (und damit der gesamte Staat) hängen stark vom Export von Öl und Gas ab. Weil das Energiegeschäft immer weniger einbringt, musste Präsident Wladimir Putin bereits den Staatshaushalt kürzen und einen kräftigen Absturz des Rubel hinnehmen.

Manche meinen, dass die Saudis die Regierung in Teheran samt deren Atomprogramm in die Knie zwingen wollen. Oder dass sie die Fracking-Industrie in den USA schwächen wollen. Denn während sich das Öl auf der arabischen Halbinsel günstig fördern lässt, für vier, fünf Dollar pro Barrel, lohnt sich Fracking ab einem bestimmen Preis nicht mehr. Manche sagen: ab 60 bis 70 Dollar. Andere: ab 40 bis 50 Dollar.

Diesel für 99 Cent

Öl ist in den vergangenen Monaten erheblich günstiger geworden. Mittlerweile macht sich das auch an den Tankstellen deutlich bemerkbar. Nun wurde eine erste Tankstelle gesichtet, die Diesel für weniger als einen Euro verkauft. mehr ...

Schon jetzt hat der niedrige Ölpreis dramatische Auswirkungen auf die Weltwirtschaft - gute wie schlechte. Die guten: Weil das Schmiermittel der Weltwirtschaft derart billig ist, rechnen Wirtschaftsforscher mit einer deutlich dynamischeren Konjunktur. Die Faustformel lautet: Geht der Erdölpreis dauerhaft um zwanzig Dollar zurück, erhöht dies das Wirtschaftswachstum in den führenden Industrieländern der Welt, über zwei Jahre hinweg um 0,4 Prozentpunkte. Man kann sich ausrechnen, was es bedeutet, wenn der Ölpreis schon jetzt um mehr als 60 Dollar gefallen ist - und länger auf diesem Niveau bleibt.

Doch der Preissturz hat auch negative Auswirkungen: Nicht nur Russland oder Iran, auch zahlreiche andere Schwellenländer, die vom Ölexport leben, leiden massiv darunter. Sie sind es gewohnt, dass der Ölpreis schwankt, gewiss - aber das eigentliche Problem ist das Tempo des Preisverfalls; dies bringt ihre Wirtschaft völlig aus dem Gleichgewicht. Dies lässt sich in Venezuela beobachten, das einer Staatspleite immer näher kommt. Oder in Nigeria, das schon unter dem Terror von Boko Haram leidet, nun aber seinen Etat nicht mehr finanzieren kann: Denn 70 Prozent der Einnahmen finanzieren sich aus dem Öl.

Die ersten Experten empfehlen höhere Steuern auf Öl

Noch dramatischer sind die Folgen für das Klima, jedenfalls auf längere Sicht: Große Autos, Spritschlucker, SUVs, verkaufen sich derzeit besser denn je, was auf Dauer den Ölverbrauch erhöht. Auch der Zwang, bei der Stromerzeugung auf erneuerbare Energien umzusteigen, lässt nach. Schon fordern die ersten Experten eine zusätzliche Steuer auf Öl, damit nicht der Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid kräftig ansteigt. Solch eine Steuer könne, rechnet der ehemalige amerikanische Finanzminister und Harvard-Ökonom Lawrence Summers vor, den USA innerhalb von zehn Jahren eine Billion Dollar an Steuereinnahmen einbringen. Kemal Davis, der Direktor des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, plädiert für eine flexible Steuer, die steigt, wenn der Ölpreis sinkt - und die sich reduziert, wenn Öl wieder teurer wird.

Noch eine Gefahr geht vom allzu schnellen Absturz des Ölpreises aus: für den Finanzsektor. In Russland sind die ersten Banken angesichts des Gemischs aus Ölpreis- und Rubelabsturz bereits in Not geraten, der Staat musste sie stützen. Nicht nur der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, macht sich deswegen Sorgen, wie er dem Spiegel sagte: "Auch sechs Jahre nach der Krise sind die Märkte alles andere als stabil. Es gibt nach wie vor systemrelevante Institutionen, die der Staat, wenn sie wackeln, retten muss."

So schlimm wie 2008, als die Banken nach dem Crash an der Wall Street reihenweise kippten, wird es wohl nicht kommen. Aber eines sollte man bedenken: Der Ölpreis war damals schon abgestürzt, bevor die Bank Lehman Brothers kippte. Das Beben am Ölmarkt war damals ein Indiz dafür, dass die Weltwirtschaft in eine Krise schlitterte - und zwar etliche Wochen, bevor auch die Börsen bebten.