Gefängnisinsel Rikers Island McKinsey soll den Knast reformieren

Menschenunwürdige Bedingungen, exzessive Gewalt: Die amerikanische Gefängnisinsel Rikers Island leidet unter großen Problemen. Nun sollen Unternehmensberater von McKinsey nach Lösungen suchen - direkt an Ort und Stelle.

Von Nikolaus Piper, New York

Rikers Island ist der zweitgrößte Gefängniskomplex der Vereinigten Staaten und einer der berüchtigtsten. Auf der Insel im East River vor New York leben mehr als 12 000 Häftlinge, oft unter menschenunwürdigen Bedingungen. Im August legten US-Justizminister Eric Holder und die Staatsanwaltschaft des Bundes nach zweijährigen Ermittlungen einen alarmierenden Bericht vor.

Danach gibt es auf der Insel "ein Muster und eine Praxis exzessiver Gewalt", die die verfassungsmäßigen Rechte jugendlicher Gefangener verletzten. Holder forderte die Stadt New York auf, binnen 49 Tagen darzulegen, wie sie Rikers Island zu reformieren gedenkt.

"Wir stecken in ernsthaften Problemen", erkannte Joseph Ponte, der vom linken Bürgermeister Bill de Blasio eingesetzte Dezernent für den Strafvollzug. Sein erster Reformschritt: Er schickt die Unternehmensberatung McKinsey nach Rikers Island. Wie Ponte mitteilte, sollen die Berater mindestens zwölf Wochen lang durch die Gefängnisse gehen und dabei unter anderem die Ausbildung der Wachen, das interne Berichtssystem und die Behandlung neuer Häftlinge bei ihrer Einlieferung prüfen. Die Studie soll 1,7 Millionen Dollar kosten und wird zusammen mit der städtischen City University of New York verfasst.

Auch der DFB gehört zu McKinseys Klienten

McKinsey ist eigentlich spezialisiert auf die Beratung großer Unternehmen, hat aber auch immer wieder Aufträge staatlicher oder gemeinnütziger Organisationen angenommen. Gefängnisse waren zwar bisher nicht dabei, wohl aber die New Yorker Schulen, die Polizei und die Feuerwehr. In Deutschland gehörten die evangelische Kirche und der Deutsche Fußball-Bund zu den Klienten.

Oft kommt es den Auftraggebern gar nicht so sehr auf konkrete Vorschläge der Berater an, sondern auf die Tatsache, dass diese überhaupt da sind. Wenn eine Organisation sagt: "Wir holen McKinsey", dann signalisiert das den eigenen Leuten: Unbequeme Reformen sind unumgänglich.

Gefängnischef Joseph Ponte, der zuvor den Strafvollzug im Bundesstaat Maine reformiert hatte, will nun die "tief sitzende Kultur der Gewalt" auf der Insel brechen. Allein im vergangenen Jahr wurden 565 Übergriffe von Wärtern auf jugendliche Häftlinge und 845 Kämpfe zwischen Insassen dokumentiert. An jedem einzelnen Tag saßen zwischen 15 und 25 Prozent der Jugendlichen in Isolationshaft, oft wegen geringer Vergehen. Zehn Aufseher wurden festgenommen wegen des Verdachts auf Körperverletzung, Schmuggel oder Fälschung von Dokumenten.

Einige Probleme rühren daher, dass viele Häftlinge gar nicht auf die Insel gehören. Gut 40 Prozent gelten als seelisch krank - für den Umgang mit ihnen sind die Wachen nicht ausgebildet. Entgegen der Praxis in anderen Bundesstaaten ist der Strafvollzug für Jugendliche und Erwachsene nicht getrennt. Dadurch werden junge Männer oft erst im Gefängnis zu richtigen Verbrechern. Untersuchungshäftlinge werden zusammen mit rechtskräftig verurteilten Schwerverbrechern untergebracht.

Schließlich gilt unter den Wachen ein mächtiger "Schweigekodex", heißt es im Bericht der Staatsanwälte. Sollte es den McKinsey-Beratern gelingen, diesen Kodex zu brechen, dann dürften sie ihr Geld wert gewesen sein.