Freihandel Mexiko klagt gegen Delfin-Siegel für Thunfisch

Ein Arbeiter in Mexiko schneidet einen gefrorenen Thunfisch. Die Branche exportiert kaum in die USA.

(Foto: Susana Gonzalez/Bloomberg)
  • Mexiko hat erfolgreich gegen ein Delfinschutz-Siegel geklagt.
  • Der Fall zeigt die Macht des Freihandels.
Von Kathrin Werner, New York

Delfine und Thunfische haben einander gern. Die Tiere schwimmen zusammen, vor allem im Pazifischen Ozean westlich von Mexiko findet sich fast immer ein großer Schwarm Gelbflossen-Thunfische in der Nähe der Delfine. Warum das so ist, ist nicht komplett erforscht. Aber es ist ein Todesurteil für beide Arten. Meist sind Delfine und Wale Kollateralschäden des Fischfangs. Sie verirren sich in Netze und verenden. Bei den befreundeten Delfinen und Thunfischen im Westen Mexikos ist das anders. Fischer erspähen die Delfine, die zum Atmen auftauchen, treiben sie mit Schnellbooten zusammen, lassen riesige ringförmige Netze um sie herum ins Wasser und ziehen den Netzring zu. Ringwadenfischerei nennt man das. Die Fischer fangen beide Tiere gemeinsam. Zwischen den 1950er- und frühen 1990er-Jahren sind dabei mehr als sechs Millionen Delfine gestorben, die höchste Zahl der Beifang-Opfer. Zum Vergleich: Im gesamten 20. Jahrhundert haben kommerzielle Fischer rund zwei Millionen Wale getötet.

Ein Delfinschutz-Siegel als Handelsbarriere

Den Delfinen zur Rettung kamen die Macht des Marktes und des Gesetzes. Umweltaktivisten haben groß angelegte Informationskampagnen gestartet. Sie hatten Erfolg: Die Amerikaner wollten keinen Thunfisch mehr essen, für den Delfine sterben. Der Absatz von Dosenthunfisch schrumpfte Ende der 1980er-Jahre so stark, dass große Importeure versprachen, keinen Thunfisch mehr einzuführen, für dessen Fang Delfine attackiert werden. Später wurde aus der Selbstverpflichtung ein Gesetz: Nur sogenannter delfin-sicherer Thunfisch durfte in die USA eingeführt werden. Das Handelsministerium entwickelte ein Siegel mit einem fröhlichen blauen Delfin.

Doch das Siegel ist auch eine Handelsbarriere. Mexiko hat seit Langem gegen das Siegel und die Einfuhrbestimmungen geklagt - und jetzt recht bekommen, in letzter Instanz. Das Berufungstribunal der Welthandelsorganisation WTO hat entschieden, dass das Delfin-Siegel ein unzulässiges Handelshemmnis ist und die mexikanischen Fischer zu sehr benachteiligt. "Amerikaner wollen wissen, dass das Essen, das sie für ihre Familien kaufen und zubereiten, keinen Wildtieren das Leben kostet", sagt Ilana Solomon von der Umweltorganisation Sierra Club. Nach der Entscheidung müssen die USA entweder die Bedingungen für ihr Delfin-Siegel ändern oder mit Sanktionen des wichtigen Handelspartners Mexiko rechnen.

Der Fall zeigt die Macht des Freihandels. Auch ohne neue Handelsabkommen wie die gerade vor dem Abschluss stehende Trans-Pacific Partnership (TPP) zwischen den USA und elf Pazifik-Anrainerländern oder das europäisch-amerikanische Abkommen TTIP können andere Länder über Gesetze und Umweltstandards einzelner Länder bestimmen. Die WTO hilft dabei. Nun sind die Juristen der WTO keine Delfin-Hasser. Mexiko kämpft schon seit mehr als zwanzig Jahren gegen die amerikanischen Regeln und hat bei der Welthandelsorganisation immer wieder recht bekommen. Das US-Handelsministerium musste die Regeln immer weiter aufweichen, inzwischen ist das Siegel freiwillig, es gibt kein Importverbot.

Trotzdem hat Mexiko die WTO-Juristen überzeugt, dass die amerikanischen Regeln willkürlich sind. Die mexikanischen Fischer sind in den vergangenen Jahren sehr viel tierfreundlicher geworden, sie lassen fast alle Delfine aus den Netzen frei, weniger als 1000 sterben im Jahr. Andere Fischerei-Techniken aus anderen Ländern hätten ähnlich hohe Beifang-Quoten, seien aber weniger stark reguliert, sagten die Mexikaner. So dürfen etwa Ringwaden-Thunfische nur eingeführt werden, wenn die Kapitäne eine Sonderlizenz haben und ein unabhängiger Beobachter mit an Bord ist. Andere Fischer dürfen sich selbst kontrollieren. Die Ungleichbehandlung habe Mexiko aus dem 680 Millionen Dollar schweren US-Markt für Dosenthunfisch nahezu herausgedrängt. Der Marktanteil liegt nur bei 3,5 Prozent.