Forum Vor der Schatzkammer

Wie Wirtschaft und Politik die Industrie 4.0 - die digital vernetzte Produktion - zu einem deutschen Erfolg im internationalen Wettbewerb machen können. Wer die Standards bestimmt, hat einen Vorteil.

Von Till Reuter

Wenn in Deutschland über das Thema Digitalisierung der Wirtschaft gesprochen wird, fallen zumeist drei Namen: Google, Apple und Amazon. Die Sache scheint ausgemacht zu sein. Die US-amerikanischen Unternehmen teilen sich den Kuchen - und zwar weltweit. Ernst zu nehmende deutsche Konkurrenz? Fehlanzeige. Gerade das Geschäft mit Endkunden auf den digitalen Marktplätzen wurde von deutschen und europäischen Unternehmen verschlafen. Und die Entwicklung geht weiter. Auch die deutsche Automobilindustrie steht mit diesen Unternehmen längst im Wettbewerb.

Doch auf der Landkarte bleibt ein großer weißer Fleck, um den noch gerungen wird. Und hier hat die deutsche und europäische Wirtschaft Chancen: Industrie 4.0, die digital vernetzte Produktion. Es sind deutsche Unternehmen, die hier weltweit führend sind. Wenn auch die internationale Konkurrenz uns dicht auf den Fersen ist. Wer die Standards der globalen Produktion bestimmt, hat einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Zu den Stärken der deutschen Industrie zählen die enge Verzahnung mit den und das Wissen über die Kunden sowie die enorme Fertigungskompetenz, die auf einer Besonderheit beruht: Der Verbindung von innovativer Hardware mit eingebetteter Software, die das gesamte Fachwissen und die Erfahrung des Unternehmens als kollektive Erinnerung codiert und für hochwertige Produkte und neue Produktionswege nutzbar macht. Wer diese Kunden-Verbindung aufbricht und die Daten für sich nutzbar macht und sich zusätzlich zwischen die Industrie und Kunden schiebt, hat den Schlüssel zum Erfolg Deutschlands in den Händen: Er steht in der Schatzkammer der deutschen Industrie.

Genau hier setzen die Strategien großer Unternehmen an. Nicht nur in den Endkunden oder Konsumenten-Bereich vorzustoßen, sondern gezielt auch Geschäftskunden zu gewinnen. Aus der immer stärkeren Digitalisierung des Wertschöpfungsanteils und der Disruption der Kundenschnittstelle ergibt sich ein Szenario, das die starke Stellung der deutschen und europäischen Weltmarktführer infrage stellen kann. Deutsche Firmen werden zwar in diesem Szenario weiterhin gebraucht - doch die komplette Wertschöpfungskette und deren Standards kontrollieren andere.

Till Reuter, 47, ist seit 2009 Vorstandsvorsitzender der Kuka AG, Augsburg. Er arbeitete in internationalen Anwaltskanzleien und als Investmentbanker.

(Foto: Marek Vogel/Kuka)

Wirtschaft und Politik haben diese Risiken erkannt. Es gibt Kommissionen und sogar eine Regierungsplattform. Doch hat man hier noch keine Fahrt aufgenommen, während sich doch die Entwicklung der Digitalisierung weiter beschleunigt. Die Dimensionen der fortlaufenden Digitalisierung sind gewaltig. "Big Data" ist kein statischer Datenhaufen, sondern ein immer schneller und höher wachsender Datenberg. Allein 2014 wurden so viele Daten produziert wie in der gesamten Weltgeschichte bis 2013. Mit dem Wissen um die Daten von Produktion, Zulieferern, Technikern und Kunden können Fabriken ganz anders arbeiten. Da aber IT eine immer größere Rolle spielt, werden diejenigen Unternehmen, die wissen, wie Daten zu generieren, zu ordnen und neu zuzuweisen sind, einen erheblichen Vorteil davontragen.

Sollte die deutsche Industrie sich von ihrer Spitzenposition bei der Wertschöpfung verdrängen lassen und es zulassen, dass Unternehmen mit der Hoheit über die Kundenschnittstelle und überlegenem Daten-Know-how sich an ihre Stelle setzen, werden Einschnitte bei Wertschöpfung und Margen-Entwicklung die Folge sein.

Wir müssen schneller zu konkreten Ergebnissen kommen und diese umsetzen. Politik, Wirtschaft und Wissenschaft müssen dabei an einem Strang ziehen und eine "Verantwortungspartnerschaft 4.0" eingehen. Dazu gehören folgende Punkte:

• Standards aktiv setzen, um international auf Augenhöhe verhandeln zu können

• massiv in Forschung und Innovation investieren

• Förderstrukturen aufbauen, damit Mittel für die Digitalisierung frei werden

• das Ausbildungssystem sollte auf die Arbeit 4.0 vorbereiten

• ein gutes Klima für Start-ups schaffen und gleichzeitig in deren Förderung investieren

• die digitale Infrastruktur ausbauen

Die kurzfristig vorrangige Aufgabe der deutschen und europäischen Unternehmen sowie der Politik von Berlin und Brüssel ist es, den Einfluss auf die Standard-Setzung der digitalen Ökonomie auszubauen und die Schnittstelle zu den Kunden zu behaupten. Hier ist die neue Initiative der Bundeskanzlerin und des französischen Präsidenten wichtig. Die Gestaltung der Plattform Industrie 4.0 ist notwendig, um Interoperabilität und Skaleneffekte zu erzeugen. Mit hochwertigen Produkten, die auf den richtigen Standards aufsetzen, wird die deutsche Industrie zum Treiber im globalen Wettbewerb um die Digitalisierung.

SZ-Gipfel in Berlin Die digitale Revolution und ihre Folgen für Mensch, Wirtschaft und Gesellschaft sind auch Thema des SZ-Wirtschaftsgipfels vom 19. bis 21. November 2015 in Berlin. Führende Vertreter aus der Wirtschaft, Experten und Politiker diskutieren die neue Welt, in der nichts mehr so sein wird wie heute. Weitere Informationen und Anmeldung unter sz-wirtschaftsgipfel.de.

Bei Kuka arbeiten wir an Standards und brauchen dazu Mitspieler. Große Mittelständler wie Kuka sollten hier zusammenarbeiten und benötigen außerdem die Unterstützung der Politik. Dies auch deshalb, weil wir näher am Kunden sind als so mancher große Konzern. Wir brauchen die zügige Definition für die Plattform-Ökonomie Industrie 4.0, weil beispielsweise die Robotik - als eine der wesentlichen Säulen von Industrie 4.0 - sich auf die nächste Transformationsstufe vorbereitet. Die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine wird neu geordnet. Pointiert gesagt, geht es darum, die Roboter aus dem Schutzkäfig zu entlassen und sie in die Arbeitsprozesse zu integrieren. Der Fertigungsroboter der Zukunft ist mobil und zugleich sensitiv. Er kann fühlen und Montagearbeiten erledigen mit haptischen Fähigkeiten, die den Menschen ergänzen. Er ist flexibel einsetzbar für verschiedene Aufgaben und an unterschiedlichen Arbeitsplätzen.

Diese modernen Roboter können sich auch individuell in die Produktionsprozesse einfügen. Vorreiter ist dabei, wie so oft, die Automobilindustrie. Und die übernächste Transformationsstufe hat die Robotik auch schon im Blick: Nach "Mensch und Maschine" geht es jetzt um "Maschinen für Menschen" - Serviceroboter, die im Haushalt oder in Pflegeeinrichtungen oder auch Krankenhäusern helfen. Da steht die Robotik zwar noch an den Anfängen, wird aber die Erschwernisse alternder und zugleich schrumpfender Gesellschaften mildern können. Mobile Roboter können älteren Menschen dabei helfen, länger zu Hause wohnen zu bleiben. In Krankenhäusern können sie das Pflegepersonal bei zeitaufwendigen Routinetätigkeiten unterstützen, damit sich Pflegekräfte auf die Patienten konzentrieren können.

Das ist ein Blick in die Zukunft - aber ohne Industrie 4.0 werden uns diese Schritte nicht gelingen.