Formel-1-Boss bleibt Hockenheim fern Wo ist Bernie?

Das mobile Büro von Bernie Ecclestone stand zwar am Hockenheimring. Doch der Formel-1-Boss versetzte seine Geschäftspartner an diesem Wochenende. Aus Furcht vor der deutschen Justiz? Denn die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit gegen den 81-jährigen Briten.

Von Michael Neudecker und Klaus Ott

Ganz vorne im Fahrerlager der Formel-1-Strecke in Hockenheim steht ein großer schwarzer Kasten, ein sogenannter Wohn-Truck: ovale Fenster, elektronische Schiebetür, davor ein akkurater grauer Teppich, drumherum viele bunte Blumenkästen. Das ist die Kommandozentrale der Formel 1, das rollende Büro von Bernie Ecclestone.

Blieb Bernie Ecclestone dem Rennen in Hockenheim aus Furcht vor der deutschen Justiz fern? Derzeit ermittelt die Münchner Staatsanwaltschaft gegen den Formel-1-Boss.

(Foto: dpa)

Der Brite ist schon 81 Jahre alt, aber noch immer diktiert er die Spielregeln dieser milliardenschweren Branche - wer mitverdienen will, muss mit Bernie reden. Am Wochenende fand in Hockenheim der Große Preis von Deutschland statt, und die meistgestellte Frage dort war: Wo ist Bernie?

Mehrere Geschäftsleute hatten Gesprächstermine mit Ecclestone, manche standen stundenlang vor dem Truck. Sie warteten und warteten, doch Bernie kam nicht.

Freies Geleit, das war einmal

Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit gegen Ecclestone, und Daniel Amelung, der Anwalt des früheren Spitzenbankers Gerhard Gribkowsky, sagt: Der Formel-1-Chef habe "kalte Füße" bekommen. Gribkowsky hat vor Jahren von Ecclestone heimlich 44 Millionen Dollar kassiert, er ist wegen Bestechlichkeit und anderer Delikte zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt worden, und er sagt seit seiner Verurteilung fleißig gegen Ecclestone aus: als Zeuge der geplanten Anklage, mit der die Ermittler den Formel-1-Chef vor Gericht bringen wollen.

Aus Ecclestones Umfeld verlautet, der Brite sei nur deshalb nicht gekommen, weil die Geschäftstermine in Hockenheim doch nicht so wichtig gewesen seien. Nun ja: Unter den Geschäftsleuten mit Termin waren auch die Betreiber des seit Kurzem insolventen Nürburgrings, der anderen Formel-1-Strecke in Deutschland, sie wollten mit Ecclestone über die Zukunft der Strecke reden. Nicht wichtig?

Aufschlussreich sind auch Briefwechsel von Ecclestones deutschem Anwalt Sven Thomas mit der Münchner Justiz. Sie hatten zum Thema, dass Vernehmungen und Zeugenaussagen des Renn-Chefs im Rahmen des Verfahrens gegen Gribkowsky anstanden. Thomas hatte stets auf verbindliche Zusagen gedrängt, dass sein Mandant freies Geleit erhalte. Als es einmal Gerüchte gab, eine Verhaftung des Briten sei zu erwarten, war Thomas besonders besorgt; Ecclestone kam erst, als ihm die Staatsanwaltschaft schriftlich zusicherte, es gebe derzeit keine Gründe für eine vorläufige Festnahme oder gar einen Haftbefehl.

Mit Betonung auf "derzeit". Das freie Geleit war stets auf einige Tage befristet gewesen, aber jetzt, da Gribkowsky endlich auspackt und erzählt, wie Ecclestone mit Schmiergeld seine Macht in der Formel 1 gesichert habe, gibt es solche Zusagen offenbar nicht mehr. Wäre Ecclestone also nach Hockenheim gekommen, dann auf das Risiko hin, dass dort Staatsanwälte warten.

Noch kurz vor dem Rennwochenende hatte der Brite getönt, das Justizverfahren in München betreffe ihn eigentlich gar nicht. Er sei von Gribkowsky erpresst worden, er sei also das Opfer. Und im Gefängnis würde es ihm sowieso nicht gefallen. "Was sollte ich dort?", fragte Ecclestone. Gut möglich, dass er freiwillig nie mehr in die Bundesrepublik kommt: Sein Anwalt Thomas hat schon im März 2011 vorsorglich geschrieben, eine Zuständigkeit der deutschen Justiz sei nicht erkennbar.