Folgen der Rubel-Krise Grippe aus dem Osten

  • Russlands Währung stürzt weiter ab. Auch eine massive Intervention der Notenbank kann den Verfall des Rubel nicht aufhalten.
  • Experten rechnen damit, dass sich die Krise in Russland auch auf die globale Wirtschaft auswirken wird. Allerdings sind Staaten, Banken und Unternehmen besser vorbereitet als bei der letzten Krise.
Von Markus Zydra, Frankfurt

Für die Chronisten der internationalen Finanzmärkte gibt es immer mal wieder ein Déjà-vu-Erlebnis. Ein solches stellt sich ein angesichts der aktuellen Lage in Russland, die in Facetten an die letzte Rubel-Krise im Jahr 1998 erinnert. Damals musste der russische Präsident Boris Jelzin mitansehen, wie Investoren ihr Kapital aus dem Land schafften und der Abwertungsdruck auf den Rubel so stark wurde, dass Russland seine Währung freigeben musste. Der Wechselkurs fiel binnen Stunden um 60 Prozent.

Diese Rubel-Krise erwischte wiederum den amerikanischen Hedgefonds LTCM auf dem falschen Fuß, der sich für seine Wetten von internationalen Banken viel zu viele Milliarden Dollar geliehen hatte. Die amerikanische Notenbank Federal Reserve musste deshalb eingreifen, um das globale Finanzsystem zu stabilisieren.

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Banken und Unternehmen sind vorbereitet

So schlimm muss es dieses Mal nicht kommen, aber das Risiko besteht durchaus. Schließlich ist die globale Wirtschaft heutzutage noch vernetzter und einer größeren Ansteckungsgefahr ausgesetzt. Andererseits haben die Erfahrungen der vergangenen Krisen viele Banken und Unternehmen sensibler gemacht für solche Risiken. Sie sind zum Teil besser gewappnet. "Russland ist schon lange vor den Sanktionen und der Ukraine-Krise kaum noch gewachsen", meint Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Der schwache Ölpreis schade nur Russland, doch er nütze Deutschland und Europa, weil Konsumenten mehr Geld übrig hätten. "Das wirkt wie ein Konjunkturprogramm." Der Vergleich mit 1998 lasse sich daher nicht ziehen. "Ich sehe kaum ein Risiko, dass sich die aktuelle Rubel-Krise zu einem globalen Flächenbrand entwickelt", so Krämer.

Die Welt hat sich stark verändert seit 1998. Die Schwellenländer sitzen häufig auf respektablen Währungsreserven, mit denen man die eigene Währung verteidigen oder der nationalen Wirtschaft unter die Arme greifen kann. Allein Russland soll rund 400 Milliarden Dollar in petto haben. "Wenn allerdings die prekäre wirtschaftliche Lage in Russland in eine außenpolitische Härte mündet und der militärische Konflikt weiter eskaliert, dann wird es an den globalen Finanzmärkten zu heftigen Verwerfungen kommen", sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank.

Die ökonomische Malaise in Russland trifft vor allem europäische Unternehmen und Banken. Die USA, Japan und China bleiben von der Rubel-Krise weitgehend unberührt. Zu lose sind die Verbindungen zwischen diesen Volkswirtschaften und Russland. Doch Russland ist ein wichtiger Exportmarkt für deutsche Maschinenhersteller und Autos. Da geht die Nachfrage zurück, weil diese Importe in Rubel teurer geworden sind. Russland ist für Deutschland das elftgrößte Exportzielland. "Die deutschen Ausfuhren nach Russland schrumpfen schon seit 2013. Sie machen nur drei Prozent des gesamten Exportvolumens Deutschlands aus", sagt Ökonom Krämer.

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Auch deutsche Mittelständler sind betroffen

Dennoch haben viele Firmen aus Europa in Russland investiert, Fabriken gebaut und den Markt erschlossen. Die Konzerne sind unternehmerische Risiken eingegangen. "Natürlich sind Kreditgeber und Investoren nun verunsichert, ihr Geld ist gefährdet, wenn Russland kollabiert", sagt Dekabank-Experte Kater. Die Schwäche des Rubels, die deutsche Lieferungen nach Russland verteuert, trifft zudem nicht nur Großunternehmen, sondern auch deutsche Mittelständler. "Das Russland-Geschäft ist stark rückläufig.

Schon 2013 erlitten die deutschen Exporte ein leichtes Minus von fünf Prozent. In diesem Jahr kommt es aber knüppeldick", sagt DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. "Der Warentransfer bricht um mindestens ein Fünftel ein. Das entspräche fast acht Milliarden Euro weniger als im Vorjahr", so der Experte. Gründe dafür seien die politische Isolation Russlands und die eingesetzten Sanktionen, der Abzug von Kapital und die damit einhergehende Rubelschwäche.

Im Jahr 1998 endete die Krise mit dem Staatsbankrott. Russland setzte zunächst die Rückzahlung der Auslandskredite für drei Monate aus und wandelte Devisenkredite in Rubel um. Geldgeber erlitten Verluste. Heute hat Russland mehr Devisenreserven und weniger Staatsschulden. "Die staatlichen Verpflichtungen gegenüber ausländischen Gläubigern halten wir bis 2016 für finanzierbar. Die Staatsschulden sind nicht hoch", sagt Chefökonom Kater, der durch die Rubel-Krise keine Ansteckungsgefahr für den Westen und andere Schwellenländer sieht. "Diese Befürchtung gibt es zwar an den Finanzmärkten, doch nach einigen Wochen wird sich die Lage wieder stabilisieren."