Flugverbot für Boeing 787 Vom Dreamliner zum Albtraum-Flieger

Abheben verboten: Der Dreamliner, Boeings wichtigstes Flugzeug, darf praktisch nirgendwo auf der Welt mehr starten. Was ist das Besondere an der 787? Welche Fluglinien sind betroffen? Und wie geht es nun weiter für Boeing? Fragen und Antworten zum Pannenserie des Dreamliners.

Einen so drastischen Schritt hat die US-Luftfahrtaufsicht FAA seit mehr als 30 Jahren nicht mehr gegen eine amerikanische Flugzeugfirma unternommen. 1979 hatte sich über Chicago ein Triebwerk vom Flügel einer startenden McDonnell Douglas DC-10 gelöst, beim Absturz der Maschine in ein Wohngebiet starben 273 Menschen. Die Behörde FAA verbot seinerzeit Maschinen dieses Typs zu starten. Jetzt hat sie nach einer Pannenserie dem Dreamliner, Boeings Prestige-Flieger, Startverbot erteilt. Die Flugwächter auf der ganzen Welt folgen dem Beispiel, auch die Easa in Köln, die für die Sicherheit in Europas Luftraum zuständig ist. Die Fluggesellschaften All Nippon und Japan Airlines hatten bereits nach der Notlandung vom Mittwoch den Betrieb all ihrer 787, wie die Dreamliner auch heißen, eingestellt. Für Boeing ist der Dreamliner zum Albtraum-Liner geworden.

Was ist passiert?

Am Mittwoch hatten die Behörden dann doch genug von den Pannen des Dreamliners: Eine Boeing 787 musste im japanischen Takamatsu notlanden. In der Kabine hatte sich nach einem Batteriefehler Rauch entwickelt. Das Transportministerium beschrieb den Vorfall als "höchst ernsthaft". Es war der bisher letzte Vorfall in einer Reihe von Pannen an Bord der Dreamliner binnen weniger Tage. Am Montag vor einer Woche war bei einer anderen Boeing 787 von Japan Airlines nach der Landung in Boston Feuer ausgebrochen. Am Mittwoch dann musste der Start einer 787 von All Nippon Airways wegen Problemen mit den Bremsen abgesagt werden. Am Freitag schließlich fielen zwei Maschinen des selben Typs der Fluglinie aus, weil eine Scheibe des Cockpits riss und zudem Öl austrat. Die Pannen häufen sich in diesem Winter, hängen aber größtenteils nicht direkt zusammen - dafür waren zu viele verschiedene Teile betroffen.

Was ist das Besondere am Dreamliner?

Der Dreamliner stellt einen Bruch mit dem traditionellen Bau von Langstrecken-Flugzeugen dar: Seine Konstruktion soll im Zeitalter hoher Energiepreise den Treibstoffverbrauch niedrig halten. Das bedeutet etwa: Weniger Hydraulik und mehr Computersteuerungen, die durch leichtere Batterien mit Strom versorgt werden. Vor allem aber verwenden die Boeing-Konstrukteure leichtere Materialien wie Karbonfasern und Aluminium. Boeings wichtigstes Verkaufsargument: Die Fluglinien könnten Millionen Dollar an Treibstoffkosten sparen. Die leichten Verbundwerkstoffe machten bislang keine Probleme - ganz im Gegensatz zu den Batterien. Auch die Abhängigkeit von funktionierender Computertechnik soll die Flugzeuge anfällig machen.

Welche Rolle spielen die Batterien bei den Störungen?

Kritiker dürften sich durch mehrere Batteriefehler an Bord der Boeing-Maschinen bestätigt sehen. Das Unternehmen hat sich für eine umstrittene Technologie entschieden, um die Dreamliner mit Strom zu versorgen. Der kommt aus Lithium-Ionen-Batterien, die auch in Laptops und Handys verwendet werden. Die sind wiederaufladbar, speichern viel Energie auf kleinem Raum und sind relativ leicht. Ihr Nachteil: Sie gelten als leicht entzündbar und sind schwer zu löschen. Bisher schmorten Batterien nur in Maschinen auf dem Boden durch. Trotz Bedenken ließen die Luftaufsichtsbehörden wie die internationale ICAO der Vereinten Nationen oder die amerikanische FAA die Batterien unter Auflagen zu. Deshalb könnte das Desaster um die Batterien sogar juristische Folgen für die FAA haben.

Welche Bedeutung hat das Flugzeug für Boeing?

Der Dreamliner ist derzeit Boeings wichtigstes Produkt. Fast ein Jahrzehnt baute das Unternehmen daran, es kam zu massiven Verzögerungen. Die Markteinführung kostete mehr als zehn Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr verkaufte sich die 787 gut, bei den Flugzeug-Bestellungen hängte Boeing den großen Konkurrenten Airbus ab. Der arbeitet noch an seinem Großflugzeug A350, das dem Dreamliner ähneln und in direkter Konkurrenz zu ihm stehen soll. Nach den Pannen und dem Flugverbot gab die Boeing-Aktie am Donnerstag um mehr als drei Prozent nach. Die Ratingagentur Moody's teilte mit, die Vorfälle könnten sich ungünstig auf die Kreditwürdigkeit des Unternehmens auswirken, würden aber vorerst keine Herabstufung auslösen. Auch Airbus hatte bei der Einführung des A380 mit vielen Problemen zu kämpfen. Damals ließen ein Triebwerksbrand sowie Haarrisse in den Tragflächen das Vertrauen in das Großflugzeug schwinden. Auch Airbus wollte die umstrittenen Lithium-Ionen-Batterien in seinen A350 einsetzen.

Welche Fluglinien sind betroffen?

50 Dreamliner hat Boeing bisher ausgeliefert, die meisten nach Japan. Dort fliegen All Nippon Airways und Japan Airlines mehr als zwanzig der neuen Maschinen des Konzerns. Auch Air India, United Airlines, Qatar Airlines, Ethiopian und die chilenische LAN fliegen mit den modernen Maschinen. In Europa setzte die polnische Lot als erste Gesellschaft Dreamliner ein. Sie hat zwei Stück. Am Mittwoch flog Lot zum ersten Mal mit der 787 über den Atlantik. Nach der FAA-Entscheidung sagte sie jedoch den Rückflug von Chicago nach Warschau ab. Qatar Airways fliegt mit der 787 seit Donnerstag nicht mehr nach Zürich. In Deutschland hat bislang keine Fluggesellschaft den Dreamliner in ihre Flotte eingegliedert. Air Berlin hat aber 15 Stück bestellt, Tui Travel will 13 Maschinen abnehmen.

Was passiert jetzt, nachdem die Maschinen am Boden bleiben müssen?

Boeing muss nachbessern. Die FAA, für den US-Konzern Boeing zuständig, will nun mit dem Flugzeugbauer und den betroffenen Fluggesellschaften einen Plan erarbeiten, damit die Maschinen möglichst bald wieder starten können. Mindestens ein US-Experte ist unterwegs nach Japan, um dort ein betroffenes Flugzeug zu untersuchen. GS Yuasa, die japanische Firma, die die Batterien für die 787 baut, erklärte der Nachrichtenagentur AFP, eine Prüfung könne Wochen dauern. Boeing versichert, das Unternehmen werde "alle notwendigen Schritte" unternehmen, um die Probleme zu beheben. Dem Konzern drohen Schadenersatzklagen der Fluglinien, die ihre Passagiere nun auf andere Maschinen verteilen müssen. Die polnische Lot hat am Donnerstag bereits angekündigt, mögliche "Kompensationen" zu prüfen. Die Annahme von bereits bestellten Maschinen will Lot davon abhängig machen, ob die technischen Mängel behoben werden. Außerdem könnten Behörden dem Dreamliner nach einer Prüfung das sogenannte ETOPS-330 aberkennen: Das bedeutet, dass die Maschinen bis zu 330 Flugminuten, also fünfeinhalb Stunden, von der nächsten sicheren Landestelle entfernt fliegen dürfen - was den Airlines vor allem bei transatlantischen Flügen viel Flexibilität gewährt. Am teuersten dürfte es für den Konzern aber werden, wenn die FAA ihn zu strukturellen Änderungen im 787-Design zwingen würde. Im riesigen Boeing-Werk im US-Bundesstaat Washington - dem größten Gebäude der Welt nach Volumen - läuft die Produktion der Dreamliners unterdessen weiter. Zu möglichen Auswirkungen auf Bestellungen und Lieferungen sagt Boeing nichts.