Ernährung Vom Wert des guten Essens

Welchen Wert hat Nahrung? Eine Kundin in einem verganen Supermarkt in Berlin

(Foto: dpa)

Der Protest französischer Bauern geht auch deutsche Verbraucher an. Denn sie entscheiden im Supermarkt darüber, wie groß die Auswahl ist - und von welcher Qualität.

Essay von Michael Kläsgen

Am Ende ist die Frage ganz simpel: Wie viel Geld ist man bereit, für gutes Essen, hochwertige Nahrungsmittel auszugeben? Wenn man diese Frage ehrlich beantworten will, betreffen die Bauernproteste in Frankreich jeden, jedenfalls jeden, der im Supermarkt oder auf dem Wochenmarkt, so es ihn noch gibt, einkaufen geht. Denn mit gutem Essen ist nicht der Besuch in einem teuren Restaurant gemeint. Sondern die Möglichkeit, im Supermarkt um die Ecke Milch vielleicht nicht von "glücklichen Kühen" zu kaufen, aber bitte wenigstens von Kühen, die auch mal eine grüne Wiese gesehen haben. Es geht um die Möglichkeit, in der Nähe alten, gereiften Käse kaufen zu können, und nicht nur pasteurisierte, geschmacklose gelbe Scheiben oder Quader.

Interessante Schweinebacke

Man könnte das jetzt mit verschiedenen Lebensmitteln durchspielen, mit Rindfleisch, Schweinefleisch, Geflügel oder Eiern und immer wieder bei der Frage landen: Was ist mir das eigentlich wert, was ich auf dem Teller habe? Und was ist mir die Herstellung der einzelnen Produkte wert, die man auf dem Teller ja nicht sieht, aber doch mitisst. Und was ist es mir wert, dass die Produzenten von ihrer Arbeit le-ben können? Und zwar, ohne dass es gleich Bio oder Fairtrade sein muss.

Diese Überlegungen führen unwillkürlich zu den Protesten der französischen Bauern und sogar darüber hinaus. Denn nur auf den ersten Blick dreht es sich dabei um einen anti-deutschen Reflex. Ja, die Bauern haben versucht, bei Straßburg die deutsche Grenze zu blockieren und deutsche Agrarimporte abzufangen. Ja, in Rouen sollen in einer Kantine Schweinebacken aus deutscher Produktion verweigert worden seien. Und angeblich hat Präsident Hollande gesagt, liebe Landsleute, dann kauft doch einfach französische Ware. Es macht die Sache nicht besser, dass die Bauern auch die spanische und italienische Grenze belagerten. Das alles sieht nach Protektionismus, Renationalisierung und Chauvinismus aus. Aber das täuscht. In Wirklichkeit geht es ums Geld, jenes Geld, das man einerseits haben muss, um überhaupt "gutes Essen" kaufen zu können, ohne ständig nach dem Billigsten suchen zu müssen.

Geld aber auch in Form von Löhnen. Hier ist man dann beim Kern des Problems der wütenden Bauern jenseits der Grenze angekommen: bei den Arbeitskosten. Sie sind in Frankreich höher als in Deutschland. Das liegt zum wesentlichen Teil da-ran, dass die Sozialabgaben, die Arbeitgeber zahlen müssen, dort viel höher sind als hierzulande. Wenn es ums Fleisch geht aber zu einem wichtigen Teil auch, weil in deutschen Schlachtereien beispielsweise Menschen aus Ost- und Südosteuropa für Löhne weit unter Tarif arbeiten, trotz des neuen Mindestlohns. Das macht die Schweinebacke auch für den Einkäufer aus Rouen zu einem interessanten Produkt. Auch er muss rechnen.

Cents, die entscheiden

Bei der Milch ist es so, dass nach dem Wegfall der Milchquote in der EU Großmolkereien zumeist aus Deutschland den Preis diktieren können. Darunter leiden auch Milchbauern in Deutschland. Es geht hier um Centbeträge pro Liter. Doch eben jene Summen verleiten auch große französische Supermarktketten dazu, deutsche Milch einzukaufen. Die französischen Verbraucher im Carrefour, Auchan oder Leclerc merken das im Zweifelsfall gar nicht, weil die Herkunft der Milch nicht deklariert wird. Der Supermarkt gibt den Preisvorteil gar nicht an sie weiter, sondern verbessert seine Gewinnspanne. Das ist funktionierende Marktwirtschaft, könnte man meinen. Der günstigere Anbieter erhält den Auftrag.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hat es insofern leicht, von den französischen Bauern zu fordern, werdet doch erst einmal wettbewerbsfähig, und im Übrigen ist es in der EU verboten, Importe zu behindern. Recht hat der Mann, aber dennoch macht er es sich zu einfach. Denn wenn sich die Logik durchsetzt, dass sich immer nur der Billigste durchsetzt, dann wird es im Supermarkt am Ende zwangsläufig nur noch Fleisch vom hormongedopten Turboschwein und Milch von der industriell optimierten 12 000-Liter-Kuh geben.

Die Frage ist nur: Will man das? Wenn man das nächste Mal im Supermarkt vor dem Regal steht, kann man sie sich stellen, falls man überhaupt noch eine Alternative hat. Die Macht des Verbrauchers ist allerdings in der Regel schon insofern beschränkt, als die Etiketten oft nicht sehr aufschlussreich sind.

Inszenierter Protest

Davon abgesehen, gehört der mit großem Tamtam inszenierte Protest seit Jahrzehnten zum Repertoire der französischen Bauern, um ihre Interessen durchzusetzen: also "Nothilfe" von der Regierung zu bekommen. Das funktioniert eigentlich immer, auch diesmal. Die Bauern haben die Zusage über einen Scheck von 600 Millionen Euro erhalten - was ein falsches Signal ist. Denn so haben die Bauern kaum einen Anreiz, endlich ihre Produktion zu modernisieren, obwohl sie zum Teil noch sehr archaisch ist. Archaischer als zum Beispiel in Deutschland. Das weiß auch die Regierung. Doch weil sie links ist, die Bauern aber meistens rechts oder sogar extrem rechts wählen und der Front National den Protest bereits instrumentalisierte, unterschrieb sie eilig den Scheck, um möglichst bald Ruhe zu haben. Zumindest das kann dem deutschen Verbraucher aber egal sein.