Entschädigungen nach Fukushima-Katastrophe Greenpeace wirft Tepco Versagen vor

Zurück im Chaos: Zwei Bewohner kommen nach dem Atomunfall von Fukushima wieder nach Hause.

(Foto: AFP)

Ein Greenpeace-Bericht belegt, dass Tausende Fukushima-Opfer erneut zu Verlierern werden, weil Tepco keine angemessenen Entschädigungen zahlt. Die Aufräumarbeiten nach der Katastrophe kosten Milliarden, ehemalige Zulieferer des Kraftwerksbetreibers könnten dabei erneut profitieren.

Von Markus Balser

Es war ein kalter Morgen, jener 12. März 2011, der das Leben von Yukiko Kameya, 68, auf den Kopf stellte: Erdbeben und Tsunami hatten ihre Heimatstadt Futaba, nur einen Steinwurf vom Atomkraftwerk Fukushima entfernt, erschüttert. "Es gab nach all dem keinerlei Information", erinnert sich Kameya. Möglich, dass etwas Radioaktivität aus dem nahen AKW entwichen sei, ließen sie die Sicherheitsbehörden wissen. Da war die Kernschmelze schon in vollem Gange.

Yukiko Kameya traute der Ruhe nicht und floh. Seit zwei Jahren lebt sie nun mit ihrem Mann Namie in einem Vorort Tokios in einer vorläufigen Behausung - und weiß kaum noch, wie es weitergehen soll. Zurück kann Familie Kameya nicht. Vorwärts aber geht es auch nicht. Für einen Neuanfang fehlt das Geld. Denn der Atomkonzern Tepco zahlte bislang einen Entschädigungsvorschuss von 12.000 Euro - zu wenig für ein neues Leben.

So wie den Kameyas geht es laut einer Greenpeace-Studie, die an diesem Dienstag in Tokio veröffentlicht wird und der Süddeutschen Zeitung vorliegt, vielen der 160.000 Evakuierten aus Japans Katastrophenregion um Fukushima. Es gebe massive Verzögerungen bei Entschädigungen, kritisiert die Umweltorganisation. Den Flüchtlingen aus der Region würden teilweise kaum akzeptable und viel zu niedrige Angebote gemacht. Für Schäden und Verluste sei noch keine einzige finale Zahlung erfolgt. Bislang gebe es neben monatlichen Transfers, etwa für die Miete von Ersatzunterkünften, nur geringe Vorschüsse, die von Tepco auch noch zurückgefordert werden könnten.

Der brisante Bericht führt zahlreiche Beispiele der bislang kaum dokumentierten wirtschaftlichen Folgen für die früheren Bewohner auf. So habe der für die Entschädigungen verantwortliche Betreiber Tepco das 180 Jahre alte und 300 Quadratmeter große Haus einer evakuierten Frau aus Okuma in der Präfektur Fukushima auf 5900 Euro geschätzt - nur einen Bruchteil des Werts vor der Katastrophe. Die Betroffenen wollten dagegen vorgehen, dass lediglich der mit der Katastrophe drastisch gesunkene Verkehrswert der Immobilie gezahlt wird, und versuchten, den früheren Wert des Hauses von Immobilienexperten schätzen zu lassen. Doch die wagten sich dem Bericht zufolge nicht in das Sperrgebiet um den Katastrophenreaktor.

Solche Fälle seien weit verbreitet, so die Studie weiter. Tausende Evakuierte hätten für ihre Immobilien in der Katastrophenregion Kredite aufnehmen müssen und zahlten nun wertlose Häuser ab. "Das wird eine Klagewelle nach sich ziehen", sagt der Anwalt Yasushi Tadano. Er geht seit Dezember 2012 mit einer Sammelklage gegen Tepco vor. Die bislang in Aussicht gestellten Entschädigungen seien für die meisten Opfer nicht akzeptabel.