Energiepolitik Vattenfall im Visier von Umweltschützern

Der Energiekonzern Vattenfall kämpft um ein grünes Image und weiht seinen größten deutschen Windpark ein. Doch Greenpeace-Aktivisten bringen abrupt auf die Bühne, was gerade zum nächsten großen Konflikt zwischen Konzern und Regierung wird: der Kohleausstieg.

Von Markus Balser

Trotz des Milliardenstreits um den Atomausstieg, trotz der heftigen Auseinandersetzung um die klimaschädlichen Kohletagebaue des Konzerns: Es sollte in Deutschland endlich mal wieder etwas zu feiern geben für Vattenfall-Chef Magnus Hall. Im Altonaer Kaispeicher, einem Ort mit Industriecharme und Elbblick, wollte der Konzern am Donnerstag in edlem Ambiente etwas für sein Image tun und einen der größten deutschen Hochseewindparks offiziell ans Netz nehmen. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) war gekommen, sein schwedischer Kollege Mikael Damberg auch. Zusammen mit Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Thorsten Albig (beide SPD) legten sie den Schalter um. 70 Kilometer vor Sylt liefert der Park Dan Tysk fortan Strom für 400 000 Haushalte.

Doch aus dem unbeschwerten Fest wurde nichts. Hall hatte gerade mit seiner Festrede begonnen, da enterten auch schon Umweltschützer von Greenpeace die Party am Elbufer. Aktivisten entrollten Protestplakate auf der Bühne, auch ein Fischkutter schipperte die Botschaft vor der verdutzten Festgesellschaft auf und ab: "Vattenfall: Kohle soll im Boden bleiben."

Für Hall wurde endgültig klar: Es sind stürmische Zeiten für sein Unternehmen in Deutschland. Die Feier mit den beteiligten Politikern sollte beide Seiten nach dem Streit um den beschleunigten Atomausstieg und die Milliardenklage des Konzerns wieder ein wenig versöhnen. Doch die Aktivisten brachten abrupt auf die Bühne, was gerade zum nächsten Konflikt größten Kalibers zwischen Konzern und Regierung wird: der Kohleausstieg.

Für Vattenfall ein Riesenthema, denn rund 90 Prozent des Stroms, den der Konzern in Deutschland produziert, stammt aus Kohlekraftwerken; die meisten von ihnen werden mit Braunkohle befeuert. Deshalb ist der Konzern ins Visier von Umweltschützern geraten. Und genau diesen besonders klimaschädlichen Energieträger will die Bundesregierung Stück für Stück aus dem Netz drängen. Mit einer Klimaabgabe, die Gabriel höchstpersönlich vorantreibt, um Deutschlands Klimaziele zu erreichen. Entrichten sollen sie Betreiber älterer Braunkohlekraftwerke, wie sie vor allem RWE und Vattenfall einsetzen.

Doch am Donnerstag wurde auch klar: Die Energiebranche will gegen die Abgabe kämpfen. Das machte Vattenfall-Chef Magnus Hall vor Journalisten in Hamburg deutlich. Sie treffe die Wirtschaft zu hart. Komme die Abgabe wie bisher geplant, sei es kaum möglich, Kohlekraftwerke bis 2030 oder gar länger zu betreiben, warnte Hall im Hinblick auf die rund 8000 Beschäftigten des Konzerns in den ostdeutschen Kohletagebauen. "Dann müssen wir viele Kraftwerke stilllegen." Der Konzern befinde sich in Gesprächen mit der Politik, um die Vorgaben zu entschärfen. "Man muss der Region mehr Zeit beim Strukturwandel geben", forderte Hall und räumte gleichzeitig ein: Der Wandel werde in jedem Fall kommen. Das Geschäft mit der Kohle in Ostdeutschland werde in den nächsten Jahrzehnten deutlich zurückgehen.

Gabriels Plänen drohe der "soziale Blackout ganzer Regionen", warnten Gewerkschaften am vergangenen Wochenende auf einer Großdemonstration in Berlin. Auch Vattenfall treffen sie hart. Denn sie drohen sogar die milliardenschweren Verkaufspläne für die Kohlesparte zu erschweren. Die Schweden sollen sich auf Druck der schwedischen Regierung aus dem klimaschädlichen Geschäft zurückziehen. Es gebe zwar mehrere Interessenten für die Sparte, sagte Hall in Hamburg. Doch ob der Verkauf wie geplant bis Ende des Jahres über die Bühne gehen könne, sei offen.

Gabriel machte ohnehin klar, wo er die Zukunft sieht. Beim Energieministertreffen in Hamburg Mitte Mai plane er mit den Kollegen einen Flug zum neuen Windpark. "Wir wollen der Welt zeigen, was wir zu bieten haben."