Energiemarkt Stadtwerke attackieren Stromriesen

Atomausstieg als Chance: Die kleinen Stadtwerke wollen die Schwäche der großen Energiekonzerne ausnutzen und ihren Marktanteil verdoppeln. Im SZ-Interview ruft Hans-Joachim Reck, Hauptgeschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen, schon die "Ära der Stadtwerke" aus - und fordert einen Energieminister in der Regierung.

Von Markus Balser und Michael Bauchmüller

Nach dem beschleunigten Atomausstieg wittern die 900 Stadtwerke in Deutschland ihre Chance. Mit einem beispiellosen Milliardenprogramm planen die kommunalen Versorger den Angriff auf die Energieriesen Eon, RWE, EnBW und Vattenfall. "Die kommunalen Unternehmen haben heute einen Anteil von zehn Prozent an der Stromerzeugung. In den nächsten zehn bis 15 Jahren wollen wir den Anteil in Deutschland auf 25 Prozent mehr als verdoppeln", kündigt Hans-Joachim Reck, Hauptgeschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) im Interview mit der Süddeutschen Zeitung an.

Damit fordern kommunale Versorger die angeschlagenen Stromriesen endgültig heraus. Es gehe um zweistellige Milliardeninvestitionen in neue fossile Kraftwerke und Erneuerbare Energien wie Windparks, sagt Reck. "Wir stehen vor einer Ära der Stadtwerke", sagt Reck. "Das ist ein großer Wurf, kein Kleinklein." Die Großkonzerne könnte die neue Offensive tatsächlich in Bedrängnis bringen. Zu lange haben Eon, RWE, EnBW und Vattenfall auf Kohle- und Atomstrom gesetzt. Die Konzerne streichen auch deshalb derzeit massiv Stellen. Insgesamt baut das deutsche Energiequartett rund 20.000 Jobs ab.

Die Stadtwerke wollen ihren Kraftwerkspark nun aus eigener Kraft rasant ausbauen und dabei vor allem in Erneuerbare Quellen und Gaskraftwerke investieren. "Die Investitionen fließen in Windkraftwerke an Land und zur See, Biomasse- und Biogasanlagen, aber auch in flexible Gaskraftwerke", kündigt Reck an. "Wir werden uns am Ziel der Bundesregierung orientieren und einen Anteil von 35 Prozent Erneuerbarer bis 2020 am Strommix schaffen."

Unzufrieden sind die Stadtwerke mit dem Kurs der Bundesregierung bei der Energiewende. Stadtwerke-Funktionär Reck übt harte Kritik am Kurs der Regierungskoalition: "Bisher kann ich noch keinen Plan für diesen Umbau erkennen, den bleibt die Bundesregierung schuldig." Um dem Kompetenzgerangel zwischen Umwelt- und Wirtschaftsministerium zu begegnen, müsse die Regierung einen eigenen Posten schaffen. "Deutschland braucht einen Energieminister", fordert Reck. Wenn dieses Land nicht ein Ministerium für solch eine Transformation schaffe, begehe es einen großen Fehler. Die Energiefrage sei der Schlüssel für die Zukunft des ganzen Landes.

Das ganze Interview mit Hans-Joachim Reck lesen sie heute in der "Süddeutschen Zeitung".