Empörung über Zypern-Verhandlungen "Pistole am Kopf"

Der deutsche Verhandlungsführer kommt gar nicht gut weg: Maltas Finanzminister Edward Scicluna veröffentlicht seine eindringliche Schilderung der Brüsseler Verhandlungen über die Zypern-Hilfe. Er beschreibt, wie Wolfgang Schäuble "Körper und Seele" des zyprischen Ministers auslaugte. Das könnte echte Empörung sein - oder Solidarität unter Schatzinseln mit Steuervorteilen.

Von Jannis Brühl

Es gab gutes Essen und guten Wein, aber die Situation fand Edward Scicluna so unangenehm, dass er sie mit einem "unvermeidbaren Atlantikflug" vergleicht, auf dem man seinen Platz nicht verlassen darf. Der maltesische Finanzminister saß am Freitag während der Brüsseler Verhandlungen über die Zypern-Hilfen neben dem deutschen Minister Wolfgang Schäuble, gegenüber der Zyprer Michael Sarris. Seine eindringliche Schilderung der Geschehnisse hat die Zeitung Times of Malta unter dem Titel "Eine Lektion fürs Leben" veröffentlicht. Darin beschreibt der 66-Jährige Ökonom mit Oxford-Abschluss, wie Schäuble Druck machte - und wirbt um Mitleid für Zypern.

Die "Zustimmung" der zyprischen Regierung schreibt er in Anführungszeichen, das Land habe sich "mit einer Pistole am Kopf natürlich außerordentlich kooperativ verhalten".

Nach zehn Stunden seien "Körper und Seele" von Sarris so ausgelaugt gewesen, dass er zustimmte. Daraufhin habe Schäuble seine Forderung durchgesetzt, Zyperns Finanzsystem noch in der Nacht abzuschotten, um Kapital im Land zu halten.

Die "allmächtigen Geberländer" hätten mit dem Argument russischer Geldwäsche allen Widerstand gebrochen.

In the case of Cyprus it was the Russians, with the implication of it being recognised as a tax haven with abundant stories of flagrant gross money laundering activities.

Wie viel dieser Schilderung ist echte Empörung, wie viel Kalkül? Schließlich hat Malta mit Zypern nicht nur gemein, dass es sich um eine kleine Inselrepublik handelt, die im Vergleich zu Deutschland relativ machtlos ist. Malta gilt ebenfalls als eines der Steuerparadiese in der EU. Auf Gewinne aus Offshore-Bankaccounts außerhalb der EU fällt keine Kapitalertragsteuer an. Fürchtet da jemand um sein Geschäftsmodell? Die Ratingagentur Standard & Poor's stufte den Inselstaat kürzlich herab, weil sie fürchtet, dass Probleme beim staatlichen Energiekonzern Enemalta die Staatsschulden in die Höhe schießen lassen könnten - und Malta damit zum Krisenstaat werde könne.

Am Schluss seines Artikels beschreibt Scicluna, wie er beim Verlassen der Verhandlungen von Horrorvisionen geplagt wurde, auch er könnte eines Tages in Sarris' Haut stecken.

The feeling one got on exiting the meeting in the early hours of the day was that never in one's life would one like to dream the experience let alone live it.

Den Ablauf der Verhandlungsnacht und Wolfgang Schäubles Rolle schildert auch SZ-Autorin Cerstin Gammelin in ihrem Artikel aus Brüssel. Die Financial Times zeichnet ebenfalls die entscheidenden Stunden nach, unter dem Titel: "Das Schicksal zyprischer Kontoninhaber wurde in Berlin besiegelt".