Einführung des "Bürgerkontos" Sparkassen versprechen Girokonto für jedermann

Wer kein Girokonto hat, ist im Grunde nicht geschäftsfähig. Hunderttausende Deutsche sind davon betroffen. Die Sparkassen führen nun ein "Bürgerkonto" ein, das diesen Menschen helfen soll.

Von Harald Freiberger, Frankfurt

Wer kein Girokonto hat, steht im sozialen Abseits: Erzielt er Einkünfte, muss er sie sich wie vor 50 Jahren in der Lohntüte abholen. Dasselbe gilt für Ausgaben: Ob monatliche Telefonkosten oder die Gebühr für eine Versicherung - ohne Bankverbindung bleibt nur die Möglichkeit, bar zu bezahlen. Das ist zum einen eine demütigende Prozedur, zum anderen bieten viele Unternehmen die Möglichkeit gar nicht mehr an. Wer kein Girokonto hat, ist im Grunde nicht geschäftsfähig.

Nach Schätzungen gibt es in Deutschland einige Hunderttausend Bürger, die sich in dieser Lage befinden, vor allem ärmere Menschen. Sie haben nie ein Girokonto bekommen, oder es wurde ihnen von der Bank gekündigt, weil sie Schulden nicht zurückzahlten. Sozialverbände und Verbraucherschützer kritisieren diesen Zustand seit langem.

Die Sparkassen reagieren nun auf diese Kritik und bieten ab Oktober ein sogenanntes "Bürgerkonto" an. Es stellt sicher, dass auch Bundesbürger in finanziellen Schwierigkeiten über eine Bankverbindung verfügen. Das Girokonto für jedermann ermöglicht Überweisungen oder Zahlungen mit der EC-Karte. Es darf aber nicht ins Minus rutschen, Überziehungen sind nicht möglich. Die Gebühren sollen jedoch nicht höher sein als bei jedem anderen Girokonto, versprechen die Sparkassen.

"Mit dem Bürgerkonto gehen wir über die freiwillige Selbstverpflichtung der Bankenbranche hinaus", sagt Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon. Er sei überzeugt, "dass dies ein wichtiger Beitrag zum Gemeinwohl ist". Die 423 Institute verpflichten sich außerdem, Schlichtersprüche zum Girokonto für jedermann anzuerkennen.

Auch auf EU-Ebene wird über schärfere Vorgaben diskutiert

Ombudsleute, die zwischen Bank und Kunden vermitteln sollen, berichteten, dass Geldhäuser armen Kunden das Girokonto kündigen, wenn sie zum Beispiel einen Ratenkredit nicht zurückzahlen können. Diese bleiben dann ohne Bankverbindung, weil andere Institute sie nicht aufnehmen - ihr Einkommen ist zu gering.

Wenn Ombudsleute die Bank im Schlichterspruch auffordern, das Girokonto nicht zu kündigen, kommen gelegentlich auch billige Ausreden, zum Beispiel, dass der Kunde den Angestellten am Schalter beleidigt habe. Die Bundesregierung kritisierte jüngst, dass Kreditinstitute die Schlichtersprüche in Streitfällen nicht verbindlich anerkennen. Auch auf EU-Ebene sind schärfere rechtliche Vorgaben in der Diskussion.

In Deutschland gibt es inzwischen etwa 2,6 Millionen Girokonten für jedermann, die Kunden nutzen können, solange ein Guthaben vorhanden ist. Girokonten insgesamt gibt es mehr als Einwohner - 94 Millionen.