Durchsuchung der Firmenzentrale Wie Windreich die Anleger köderte

Einer der Überflieger der deutschen Energiebranche gerät ins Straucheln: In dieser Woche wurde die Zentrale der Windreich AG von der Staatsanwaltschaft Stuttgart durchsucht. Die Vorwürfe reichen von Bilanzmanipulation bis hin zu Kapitalanlagebetrug. Viele Anleger fragen sich nun, ob sie ihr eingesetztes Kapital überhaupt wiedersehen werden.

Von Björn Finke und Max Hägler, Stuttgart

Es klang vielversprechend, was Diplom-Wirtschaftsingenieur Willi Balz da im Juli 2010 an die "verehrten Kunden" und "lieben Geschäftsfreunde" versandte: Man möge es ihm, der offensichtlich viel Wert auf seinen akademischen Grad legt, gestatten, auf eine attraktive Investitionsmöglichkeit aus seinem Haus aufmerksam zu machen.

6,5 Prozent Rendite werde man mit der neuesten Windreich-AG-Unternehmensanleihe verdienen, die im Qualitätssegment der Stuttgarter Börse gehandelt werde. Die Windreich AG, das sei schließlich einer der führenden Anbieter in der Zukunftsbranche der nachhaltigen Energieerzeugung: "Nutzen Sie ihre Chance auf Kursgewinne." 125 Millionen Euro sammelte Balz auch durch dieses Werben insgesamt ein.

Jetzt, nicht einmal drei Jahre später, ist Windreich, einer der bundesweit bekannten Überflieger der deutschen Energiebranche, allerdings ins Straucheln geraten. Nachdem schon in den vergangenen Monaten ein Großinvestor zur Hilfe eilen musste, hatte die Firma Creditreform das Anleihe-Rating ausgesetzt, weil angeforderte Informationen nicht vorlagen. Dann wurden die März-Zinszahlungen mit zwei Arbeitstagen Verzug überwiesen.

Und nun fragen sich viele Anleger nicht nur, ob sie ihr Geld pünktlich bekommen, sondern auch, ob sie ihr eingesetztes Kapital überhaupt wiedersehen werden. Denn in dieser Woche haben Ermittler der Staatsanwaltschaft Stuttgart die Windreich-Zentrale durchsucht. Die Vorwürfe: In den Jahren 2010 und 2011 habe das Unternehmen Forderungen und Umsätze in Millionenhöhe ausgewiesen, die nicht vollständig durch reale Geschäfte gedeckt waren. Strafrechtlich fällt das unter Bilanzmanipulation, Kapitalanlagebetrug, Marktpreismanipulation und Kreditbetrug.

"Die Anschuldigungen werden sich als haltlos erweisen"

Die Windreich AG, die sich derzeit zur GmbH wandelt, ist einer großer Planer von Windparks auf offener See: Das Unternehmen konzipiert, baut, finanziert, betreibt und verkauft Windräder - ein schwieriges Geschäft. Den 400-Megawatt-Windpark MEG 1, 45 Kilometer nördlich von Borkum, hat Balz immer noch nicht wie geplant veräußert. Die von den Ermittlern angezweifelte Bilanz des Jahres 2011 weist einen Umsatz von 121 Millionen Euro aus - und Schulden von 434 Millionen Euro. Geht das Geld aus und hat man deshalb die Zahlen aufgehübscht? Noch ist nichts erwiesen und die Firma bestreitet alle illegalen Machenschaften: "Die Anschuldigungen werden sich als haltlos erweisen."

Und doch ist es ein bemerkenswerter Vorgang, vor allem angesichts der Liste Prominenter, die für Windreich standen oder stehen. In dem Werbeschreiben vom Juli 2010, das der SZ vorliegt, heißt es: "Auch unser Aufsichtsratsmitglied Prof. Dr.-Ing. Hans-Jörg Bullinger bürgt für Qualität und absolute Verlässlichkeit." Bullinger war als damaliger Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft einer der obersten deutschen Wissenschaftler - dem Windreich-Aufsichtsrat gehört er mittlerweile nicht mehr an.

Erst in diesem Januar überraschte Balz mit einer Top-Personalie: Die Fernsehmoderatorin Sabine Christiansen werde stellvertretende Aufsichtsratschefin; sie stehe "für Nachhaltigkeit und Kompetenz". Ein anderer bekannter Name ist Walter Döring. Der FDP-Politiker leitete einst das Wirtschaftsministerium in Baden-Württemberg. Bei Windreich war er Berater, zur Zeit des Werbeschreibens dann Aufsichtsratsvorsitzender und schließlich Vizevorstandschef. Auch bei ihm waren die Ermittler. Wobei Döring bereits Erfahrung mit der Staatsanwaltschaft hat. Im Frühjahr 2005 erhielt er wegen einer Verquickung in einen Parteispendenskandal einen Strafbefehl über neun Monate Haft auf Bewährung. In dem aktuellen Falle fühle er sich "absolut sauber", heißt es von ihm. Ob das stimmt, prüfen nun die Staatsanwälte.