Dumpinglöhne für Friseure Waschen, schneiden, löhnen

Kragenlook? Löwenmähne? Wie diese Frisur auch heißen mag, sie benötigt viel Haarspray.

(Foto: dpa)

Stundenlöhne von 3,82 und 5,16 Euro: Kaum jemand in Deutschland verdient so wenig wie Friseure. Mittlerweile ist das sogar den Arbeitgebern peinlich. Jetzt verhandeln sie mit der Gewerkschaft Verdi über einen Mindestlohn.

Von Detlef Esslinger

Killerpreise sind etwas Wunderbares, für den Kunden auf jeden Fall. 26,50 Euro verlangt die Friseurkette im Münchner Umland für waschen, schneiden, föhnen; Männer sind mit der Hälfte dieses Betrags dabei. Killerpreise sind aber auch wörtlich zu nehmen: Sie führen dazu, dass viele Friseurinnen von ihrem Lohn kaum leben können - und immer weniger junge Menschen diesen Beruf ergreifen wollen.

Immer wenn die Gewerkschaften in den vergangenen Jahren für einen allgemeinen Mindestlohn stritten, lag das Beispiel des Friseurgewerbes nahe. Dort gibt es Stundenlöhne, die 3,82 und 5,16 Euro betragen, und kaum ein Kunde macht sich darüber Gedanken. Demnächst müssen sie es alle wohl: Die Friseurverbände und die Gewerkschaft Verdi verhandeln jetzt über einen Mindestlohn für die Branche.

Wenn man die Website des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks liest, könnte man zu dem Eindruck kommen, die Branche wisse um ihren Wert: "Friseure bedienen ein menschliches Grundbedürfnis nach Schönheit und Pflege", heißt es da. Wieso haben sich dennoch überall die Killerpreis-Betriebe breitgemacht? Unter anderem, weil in den Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahren viele Meister über Bedarf ausgebildet haben. Viele Nachwuchskräfte machten sich mit einem Ein-Personen-Betrieb selbständig; ihr wichtigstes Argument bei den Kunden: ein niedriger Preis.

Lohndumping schadet dem Image

Im Zuge einer allgemeinen "Geiz-ist-geil"-Mentalität erblickten ganze Ketten im Billigfriseur ein Geschäftsmodell; zumal es hier um eine Berufsgruppe geht, die - anders als zum Beispiel das Sicherheitspersonal auf Flughäfen - kaum Möglichkeiten hat, sich höhere Löhne zu erstreiken. Womit sollten Friseure im Arbeitskampf drohen? Ein Flug, der heute ausfällt, hat sich erledigt. Ein Friseurbesuch wird eben nachgeholt.

Jetzt aber wird es selbst den Arbeitgebern unangenehm, wie schlecht in ihrer Branche bezahlt wird. Es schadet, wenn Berichte über sie kaum noch von Styling, Kuren und Kopfmassagen handeln, sondern immer von Lohndumping. Die Folge: "Wir haben große Nachwuchsprobleme", sagt Rainer Röhr, Hauptgeschäftsführer des Friseur-Zentralverbands. 2011 gingen die Schülerzahlen um zwei Prozent zurück, die der Bewerber für den Friseurberuf aber um mehr als zwölf Prozent.

Die Mindestlöhne wären ein Experiment. Verdi will bundesweit Einstiegslöhne von 8,50 Euro durchsetzen; Verhandlungsführerin Ute Kittel gibt zu, dass dies für die Branche einen "Kraftakt" bedeutet - es käme zum Teil einem Plus von 150 Prozent gleich. Deshalb will die Gewerkschaft ihr Ziel nicht sofort, sondern sukzessive bis 2015 erreichen.

Beim Friseur entfällt die Hälfte der Kosten aufs Personal, es ist also wahrscheinlich, dass höhere Löhne zu höheren Preisen führen. Diese sollen nicht plötzlich in die Höhe schnellen, aber allmählich schon. "Die Dienstleistungen des Friseurhandwerks haben einen Preis, den künftig nicht mehr die Arbeitnehmer durch unhaltbare Löhne subventionieren", sagt Gewerkschafterin Kittel. Ihr Verhandlungspartner Röhr von den Arbeitgebern begründet die neue Linie, indem er den Slogan von L'Oreal abwandelt: "Wir sind uns das selbst wert."