DIW-Studie zur Ungleichheit Ungleichheit kostet deutsche Wirtschaft 40 Milliarden Euro

Goldene Zeiten für Reiche und Superreiche: Der Staat tut sich schwer, Vermögende zu besteuern. Die Armen bekommen kaum noch ein Stück vom Kuchen ab.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Seit der Wiedervereinigung ist einer Studie des DIW zufolge die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgegangen.

Von Alexander Hagelüken

Forscher setzen in der Debatte über die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich einen neuen Akzent. Die Ungleichheit hat die Bundesrepublik in den vergangenen 25 Jahren gut zwei Prozentpunkte Wachstum gekostet, rechnet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vor. Das wäre ein Verlust von etwa 40 Milliarden Euro - mehr als im Jahr an Kindergeld ausgezahlt wird.

Vor allem der private Konsum fiel durch die Spaltung der Gesellschaft deutlich geringer aus, als wenn die Einkommen in Deutschland noch so verhältnismäßig gleich verteilt wären wie während der Wiedervereinigung. Die DIW-Studie verstärkt einen Trend, wonach einige Ökonomen Ungleichheit kritischer beurteilen als noch vor einiger Zeit. So betont neuerdings der zuvor als marktliberal geltende Internationale Währungsfonds die Schäden gesellschaftlicher Spaltung.

Die OECD, Denkfabrik der Industriestaaten, rechnete die Konsequenzen 2015 genau vor. Demnach kostete die Industriestaaten die zunehmende Ungleichheit seit Anfang der Neunzigerjahre durchschnittlich sogar fünf Prozentpunkte Wachstum. In den Jahrzehnten zuvor hoben Ökonomen oft die positiven Effekte der Ungleichheit hervor. Stilbildend war Arthur Okuns Werk "Effizienz und Gleichheit - der große Zielkonflikt" von 1975. Demnach strengen sich Ärmere in einer Gesellschaft stärker an, wenn sie sich an Besserverdienern orientieren. Greift der Staat etwa durch hohe Steuern stark in die Einkommen ein, mindert er diese Anreize und damit das Wachstum.

Schäden der Ungleichheit sind erst ab 2010 zu sehen

Die DIW-Forscher sehen ganz andere Effekte. Sie errechnen, wie die Volkswirtschaft gewachsen wäre, wenn die Nettoeinkommen so wären wie 1991. Weil Arm und Reich stärker auseinanderklaffen, investieren ärmere Schichten weniger in Bildung. Ihnen fehlen die Mittel. Das reduzierte das Humankapital und das Wachstum. Die Ungleichheit nahm demnach besonders nach 2000 zu und der Bildungseffekt schlägt auch erst mit einer Dekade Verzögerung auf die Wirtschaft durch.

Deshalb sind die Schäden erst ab 2010 richtig zu sehen - und könnten sich im Rest der Jahrzehnts noch stark bemerkbar machen. Der Bildungseffekt fällt nach Ansicht der Forscher deutlich stärker aus als der Konjunktureffekt. Reichere sparen mehr von ihrem Einkommen als Ärmere - zunehmende Ungleichheit dämpft also den Konsum.

Bemerkenswert ist, dass die Ungleichheit Deutschlands umstrittene Rolle in der Währungsunion beeinflusst. Den Deutschen wird vorgeworfen, zu wettbewerbsfähig zu sein: Sehr viel zu exportieren, aber nur wenig zu importieren - und damit die wirtschaftliche Erholung der Nachbarstaaten nach der Eurokrise zu bremsen. Nach der DIW-Studie fiel der private Konsum wegen zunehmender Ungleichheit um 50 Milliarden Euro niedriger aus. Darunter litten die Importe, weil die Bundesbürger eben auch weniger Waren aus dem Ausland kauften. Das Plus in der Handelsbilanz war deshalb drei Prozentpunkte größer, als es ohne zunehmende Ungleichheit gewesen wäre. Wie sehr die Nettoeinkommen auseinanderklaffen, wird am Gini-Koeffizienten gemessen, der bis 2015 von 0,25 auf 0,29 stieg. Ein Wert von eins wäre die maximale Ungleichheit: Ein einziger Bürger hätte das gesamte Einkommen.

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