Eine Außenansicht von Klaus Zimmermann

In extremen Zeiten sind Konjunkturprognosen keine Hilfe. Sie können nicht mehr sein als reine Spekulation - und werden so zum Beschleuniger der Krise.

Klaus F. Zimmermann, 56, ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Bild vergrößern

DIW-Präsident Klaus Zimmermann. (© Foto: Die Hoffotografen)

Anzeige

In den vergangenen Jahren gab es eine einzigartige Wirtschaftsentwicklung, die nicht nur Amerika und Europa, sondern auch Russland, China und Indien eine steigende Beteiligung am Wohlstand verschaffte. Da sich die Wirtschaftsentwicklung immer in konjunkturellen Wellen vollzieht, musste allerdings mit einer Abschwächung gerechnet werden.

Tatsächlich kühlte sich die Wirtschaftsentwicklung schon 2007 ab. Die weitere Fortsetzung des Abwärtstrends wurde bereits Ende vergangenen Jahres prognostiziert. Inzwischen bedroht er in vielen Ländern in einer einzigartigen Weise, wie das bisher nicht beobachtbar war, Beschäftigung und Wohlstand.

Die Einzigartigkeit besteht zunächst in der synchronen Weise, in der sich das Problem gleichartig über die Welt verteilt. Dies ist auch eine Folge der Globalisierung, der intensiven Vernetzung der Ökonomien und der Medien. Dazu trägt bei, dass sich Stimmungen und Erwartungen von Konsumenten und Investoren heute wegen der unmittelbaren internationalen Kommunikation direkt aneinander anpassen.

Drei Krisen, ein Abwärtssog

Dazu gehört aber auch, dass durch die Medien Dramatik inszeniert wird, indem Negativmeldungen überzeichnet und Positivmeldungen schlicht ignoriert werden. So können sich Stimmungswellen rasch verbreiten und Handlungsschocks auslösen. Da der Kern allen Wirtschaftens wechselseitiges Vertrauen ist, reagiert das Marktsystem extrem sensibel auf Vertrauenskrisen.

Die Einzigartigkeit besteht darüber hinaus im Zusammentreffen von insgesamt drei Krisen, deren innovatives Zusammenspiel einen massiven Abwärtssog verursachen kann - und für dessen Prognose die vorhandenen Instrumentarien ungeeignet erscheinen. Zur Konsumabschwächung, die eine Nachfragekrise ist, kommen zwei Strukturkrisen in international verflochtenen Sektoren hinzu, und zwar die Finanzkrise und die Automobilkrise. Das Zusammenspiel dieser Krisen führt nun zu einen ständigen Fluss neuer, dramatischer Negativ-Informationen, deren Konsequenzen nicht ausreichend eingeschätzt werden können.

Der Ausgangspunkt der Entwicklung war Amerika, das bereits seit Jahresbeginn mit massiven Rezessionsängsten zu kämpfen hatte. Dazu kam eine sich dort seit Jahren hinziehende, aber nun durch die Nachfrageschwäche eskalierende Krise in der Automobilindustrie. Dort agierten die Unternehmen mit falschen Kostenstrukturen und verfehlter Produktpolitik am Markt vorbei. Ein massives Konjunkturprogramm im Sommer 2008 war bereits nach zwei Quartalen verpufft. Seine überwiegend über Steuerschecks ausgegebenen Mittel flossen nur zu einem kleineren Teil in den Konsum. Sie haben den weiteren Konjunkturabschwung und die danach vom Schritt ins Galoppieren geratene Finanzkrise nicht verhindern können.

Lesen Sie im zweiten Teil, warum Prognosen in Krisenzeiten versagen - und warum der Abwärtswettlauf der Forscher eine große Gefahr birgt.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Gefährliche Zahlen
  2. Gefährliche Zahlen
Leser empfehlen