Die Deutschen und das Geld Die Mär vom Weltmeister im Sparen

Die Sparquote in der Bundesrepublik ist hoch. Doch nur wenig Deutsche legen so viel Geld zurück, wie die Statistik suggeriert.

Von C. Hulverscheidt

Glaubt man der Politik, dann gibt es hierzulande ein Naturgesetz, das selbst in düstersten wirtschaftlichen Zeiten unumstößlich scheint: Die Deutschen sind Weltmeister im Sparen. Das ist ein beruhigender Fakt, wie nicht nur Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) in diesen Tagen immer wieder betont.

Er bedeutet nämlich, dass die Bundesbürger von der Rezession, die derzeit ein Land nach dem anderen erfasst, nicht so heftig getroffen werden wie etwa die Amerikaner. Verliert ein US-Bürger seinen Arbeitsplatz, so ist die Gefahr groß, dass er umgehend in Existenznot gerät. In Deutschland, so zumindest die Theorie, greift in einem solchen Fall nicht nur ein gerechteres Sozialversicherungssystem, der Bürger hat vielmehr darüber hinaus noch eigene Ersparnisse zur Verfügung.

Negative Sparquote bei Kleinverdienern

Tatsächlich ist die Sparquote in der Bundesrepublik mit rund elf Prozent so hoch wie in kaum einem anderen Industrieland. In den USA ist sie mit minus 0,5 Prozent gar negativ. Und dennoch lohnt hüben wie drüben ein Blick hinter die offiziellen Zahlen. Dann nämlich zeigt sich, dass die Quote von elf Prozent in Deutschland ein reiner Durchschnittswert ist, der über die Lebenswirklichkeit der Menschen beinahe nichts aussagt: Schlüsselt man diesen Wert nach Einkommensgruppen auf, ergibt sich eine Spannweite von fast 35 Prozentpunkten.

Bei Haushalten mit einem Nettoeinkommen von weniger als 900 Euro im Monat liegt die Quote laut Statistischem Bundesamt bei minus zwölf Prozent. Das heißt: Wer sehr wenig verdient, kann in Deutschland nicht auf Erspartes zurückgreifen, er muss vielmehr meist auf Pump leben. Bei einem Einkommen bis 1300 Euro ist der Wert mit minus 0,5 Prozent immer noch negativ, erst bei einem Nettoverdienst zwischen 1300 und 1500 Euro erreicht die Quote mit plus 0,5 Prozent positives Terrain.

"Steuersystem eine Bremse"

"Die Zahlen verdeutlichen, wie schwer es für weite Teile der Bevölkerung ist, eine private Altersvorsorge aufzubauen", sagt der FDP-Finanzexperte Volker Wissing, der eine entsprechende Anfrage an die Bundesregierung gerichtet hat. Danach steigt die Sparquote mit wachsendem Einkommen rapide an: von 4,5 Prozent bei einem Verdienst zwischen 2000 und 2600 Euro über neun Prozent (2600 bis 3600 Euro) bis zum Spitzenwert von knapp 22 Prozent bei einem Nettoeinkommen zwischen 5000 und 18.000 Euro. Besserverdiener können also jeden fünften Euro, den sie verdienen, zur Seite legen.

Wie aus der Antwort der Regierung auf Wissings Anfrage hervorgeht, ist das Sparvermögen der Deutschen zwischen 1998 und 2007 von durchschnittlich 52.200 auf 75.800 Euro pro Haushalt gestiegen. Auffällig dabei ist, dass der Wert zwischen 2000 und 2002 praktisch stagnierte, ausgerechnet von 2003 an, als die Wirtschaft in der Krise steckte und die Arbeitslosigkeit deutlich anstieg, aber mit Raten zwischen sechs und zehn Prozent pro Jahr wuchs. Eine Erklärung dafür liefert die Regierung nicht.

Schuld an den ungleichen Sparmöglichkeiten der Bürger ist aus Sicht Wissings auch das Steuerrecht, das gerade Gering- und Durchschnittsverdiener belastet. Tatsächlich steigt der Steuertarif im unteren Bereich erheblich steiler an als weiter oben. Würde dieser Knick beseitigt und der Tarif begradigt, hätten die Steuerzahler insgesamt 25 Milliarden Euro mehr in der Tasche. Wissing: "Das Steuersystem in Deutschland ist eine Bremse für den sozialen Aufstieg."