Deutsche Bank Unter Jägern

Machtspiele hinter Spiegelglas: Mehr als andere Konzerne wird die Deutsche Bank von Führungskräften beherrscht, die ihre Abteilungen wie Fürstentümer verteidigen.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Der neue Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing gilt als entschlossen. Ein eigenwilliger Aufsichtsratschef und selbstbewusste Manager werden ihm die Arbeit schwer machen.

Von Meike Schreiber, Jan Willmroth und Markus Zydra, Frankfurt

Wie so oft in solchen Situationen beginnt der neue Chef seine Amtszeit mit einer Kampfansage. Nur wenige Stunden, nachdem er am Sonntagabend zum Nachfolger von Vorstandschef John Cryan ernannt worden ist, mit sofortiger Wirkung, verschickt Christian Sewing eine Botschaft an die knapp 100 000 Mitarbeiter der Deutschen Bank: Gemeinsam müsse man die "Jägermentalität" zurückgewinnen, schreibt er, Kosten senken, das Zuviel an Bürokratie beseitigen. Es ist Sewings erste Ansage dieser Art, aber ihr Klang ist den Adressaten vertraut. Auch Cryan schrieb in seiner nur knapp dreijährigen Amtszeit zahlreiche solcher E-Mails an die Belegschaft. Allein, der Erfolg wollte sich nicht rasch genug einstellen. Die Bank verlor Erträge, der Aktienkurs fiel.

Nun soll es also Sewing richten. Nach mehr als dreistündiger Debatte war der Aufsichtsrat am Sonntagabend dem Vorschlag von Aufsichtsratschef Paul Achleitner gefolgt, Cryan vor Ablauf seiner Amtszeit durch den 47-jährigen Privatkundenvorstand zu ersetzen. Dem vorausgegangen war eine mehrwöchige Führungskrise, ausgelöst durch Berichte, Achleitner suche einen Nachfolger für den 57 Jahre alten Briten. Allen voran die beiden Großaktionäre aus Katar und China hatten die Geduld verloren. Sie kontrollieren gut 16 Prozent an der Bank. Cryan habe die Strategie nicht konsequent genug umgesetzt, lautet deren Hauptvorwurf. Andere Großaktionäre wie die US-Investoren Blackrock oder Cerberus hatten Cryan noch gestützt.

Im Aufsichtsrat gab es am Sonntagabend daher auch deutliche Kritik an Achleitner und der plötzlichen Ablösung des Vorstandschefs. Einige Mitglieder fühlten sich offenbar vor vollendete Tatsachen gestellt, sie hatten erst kurzfristig von den Plänen erfahren. Der Beschluss zu Cryans Ablösung fiel dem Vernehmen nach nicht einstimmig. Zwar diskutierten die Kontrolleure nur am Rande über die Strategie. Dissens dazu gibt es aber schon länger, etwa zu der Frage, ob sich das Geldhaus nicht stärker aus dem kostspieligen US-Markt zurückziehen sollte. Seit Jahren versucht sich das Institut als globale Universalbank mit umfangreichem, aber immer weniger rentablem Investmentbanking. Noch unter Cryan stieß der Vorstand eine neue Überprüfung des Geschäftsbereichs an.

Die Verunsicherung dauert an. Auch mit Christian Sewing an der Spitze bleibt die Bank vorerst ein Institut auf Sinnsuche, ein Haus, das von verhärteten Machtfronten geprägt ist, zwischen Investmentbankern in London, New York einerseits und Filialmitarbeitern in der Heimat andererseits. Am Ende ist Cryan wahrscheinlich auch daran gescheitert: Er wusste nicht mehr, sich gegen die Macht der Investmentbanker durchzusetzen, auch deshalb verfehlte er die selbst gesteckten Ziele.

Wird Sewing es leichter haben, ein deutscher Bankkaufmann, der zwar nie als Investmentbanker Kunden beraten oder mit Wertpapieren gehandelt hat, dafür aber Revisor war und Risikospezialist? Seine Unterstützer sagen, gerade dies sei seine Stärke. Gerade weil er Risiko kenne, könne er besser als Cryan abschätzen, welche Geschäfte sich für die Bank noch lohnten. Nun stellt der Aufsichtsrat Sewing aber gleich zwei Vizechefs zur Seite, Rechtsvorstand Karl von Rohr und Investmentbankingchef Garth Ritchie - kein starkes Vertrauenssignal. "Dass Sewing so etwas akzeptiert, zeigt, dass er nicht richtig an sich glaubt", sagt ein ehemaliges Mitglied des Aufsichtsrats. Hinzu kommt, dass sich auch Co-Investmentbankchef Marcus Schenck Hoffnung auf die Führung der Bank gemacht hatte. Er verlässt die Bank in Kürze. Seine Vertrauten werden es Sewing vermutlich nicht leicht machen.

Auch einflussreiche Aktionäre kommentierten die Entscheidungen kritisch. Achleitner müsse auf der Hauptversammlung Ende Mai viele Fragen beantworten, sagte Hans-Christoph Hirt von der Aktionärsberatung Hermes. "Es ist der dritte Chefwechsel während seiner sechsjährigen Amtszeit", sagt Hirt. Warum habe gerade jetzt ein neuer Chef ernannt werden müssen? Mache es wirklich einen Unterschied, jetzt die eine Person an der Spitze auszutauschen - zumal Sewing die letzten Jahre als Vorstand mitverantwortlich gewesen sei für die Umsetzung der Strategie? Ein anderer Großaktionär, der nicht genannt werden wollte, formulierte es noch drastischer: "Wenn das jetzt nicht klappt, dann ist Achleitners Zeit abgelaufen. Das weiß er auch. Wenn Sewing nicht liefert, ist das Ende der Fahnenstange erreicht."

Achleitner verteidigte am Montag seine Entscheidungen. Es habe "bei der Geschwindigkeit, wie der Vorstand Entscheidungen trifft und deren Umsetzung durchsetzt gehapert", sagte Achleitner der FAZ. Mit dem Wechsel an der Spitze sei zudem kein grundlegender Strategiewechsel verbunden. "Es geht nicht um eine Abkehr vom Investmentbanking", sagte er. Die strategische und operative Verantwortung liege außerdem beim Vorstand.

Von prominenter Seite kam am Montag Rückendeckung für den neuen Chef in den Frankfurter Doppeltürmen. "Christian Sewing habe ich als kompetenten Vorstand kennengelernt. Ich vertraue ihm und wünsche ihm alles Gute für diese Aufgabe", sagte Andreas Dombret, im Vorstand der Bundesbank für die Bankenaufsicht zuständig, der SZ. Den Wechsel an sich bezeichnete er als "eine privatwirtschaftliche Entscheidung in der Verantwortung des Instituts", zollte Cryan aber zugleich Respekt. Er habe die Bank umsichtig durch eine schwierige Phase geführt: "Ich denke da vor allem an den Herbst 2016, als er mit dem US-Justizministerium die Strafhöhe für Vergehen auf dem US-Hypothekenmarkt verhandeln musste."

Am Aktienmarkt war zumindest kurzfristig Freude über den Wechsel zu sehen. Notierten die Papiere der Bank am Morgen noch vier Prozent höher als am Freitag, schrumpfe das Plus am Nachmittag auf 1,5 Prozent zusammen. Nach der Berufung Cryans lag es bei acht Prozent.