Deflation in Deutschland Leben wird billiger

  • Die Verbraucherpreise in Deutschland sinken erstmals seit 2009.
  • Grund ist vor allem der starke Preisverfall bei Benzin und Heizöl.
  • Um einer gefährlichen Deflationsspirale entgegen zu wirken, will die Europäische Zentralbank Anleihepapiere kaufen.
  • Ökonomen erwarten allerdings keine lange Phase sinkender Preise.
Analyse von Harald Freiberger, Frankfurt

In Deutschland steigen die Preise erstmals seit Ausbruch der Finanzkrise nicht mehr: Die Inflationsrate lag im Januar bei minus 0,3 Prozent. "Das ist der stärkste Rückgang seit fünfeinhalb Jahren", teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag mit. Damals fielen die Preise nach dem Schock durch die Pleite der US-Bank Lehman Brothers, der die Wirtschaft weltweit zum Erliegen brachte. Nun gibt es einen anderen Grund: Den Verfall des Ölpreises, der seit dem Sommer um mehr als die Hälfte einbrach. Das machte Energie in Deutschland im Vergleich zum Januar des Vorjahres um neun Prozent billiger. Auch Nahrungsmittel verbilligten sich - um 1,3 Prozent.

"Heizöl und Benzin sind im statistischen Warenkorb stark gewichtet, deshalb schlägt das so auf die Inflationsrate durch", sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. Betrachte man allein die Kerninflation, die Energiekosten außen vor lasse, stiegen die Preise derzeit in Deutschland um 0,6 Prozent. Kater ist deshalb von der aktuell negativen Inflationsrate "nicht allzu sehr alarmiert". Er erwartet, dass der Ölpreis im Laufe des Jahres wieder steigt und mit ihm auch die Inflationsrate. Im Jahresdurchschnitt sieht er sie 2015 in Deutschland bei 0,6 Prozent.

Trotzdem weckten die erstmals seit Jahren gesunkenen Preise wieder Sorgen vor einer Deflation in Europa. Um die Preise anzukurbeln, hat Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, in der vergangenen Woche ein Anleihe-Kaufprogramm von mindestens 1,1 Billionen Euro gestartet. Eine gefährliche Deflation ist dadurch gekennzeichnet, dass Verbraucher ihre Käufe auf morgen verschieben, weil sie glauben, dass die gewünschten Produkte dann billiger sind. Außerdem stellen Unternehmen ihre Investitionen zurück, da sie mit sinkenden Verkaufspreisen für ihre Produkte rechnen. Daraus ergibt sich ein Teufelskreis.

Deflationsspirale droht nicht

Ökonomen waren sich am Donnerstag einig, dass eine solche Deflationsspirale in Europa nicht droht - und schon gar nicht in Deutschland. "Dazu müssten die Preise mindestens über ein halbes Jahr sinken und außerdem die langfristigen Inflationserwartungen unter null fallen", sagt Chefvolkswirt Kater. Diese lägen aber noch über einem Prozent. Gefährlich seien auch weniger die fallenden Preise, sondern die eigentliche Ursache, die dahinter stehe: die schwache Wirtschaft und die mangelnde Auslastung der Unternehmen in Europa. "Die Politik muss durch Reformen und einen Abbau der Verschuldung dafür sorgen, dass die Wirtschaft wieder wächst, dann ziehen die Preise von alleine an", so Kater.

Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank, sieht Deutschland weit von einer gefährlichen Deflation entfernt. "Der Preisrückgang ist allein auf externe Faktoren zurückzuführen, die in einem Jahr wieder verschwunden sind", sagt er. Die Wirtschaft ziehe derzeit an, das Verbrauchervertrauen sei so gut wie lange nicht. "Man kann sich freuen über die Impulse für die Konjunktur, die durch die niedrigen Energiepreise gesetzt werden", sagt der Ökonom. Die Verbraucher hätten mehr Geld in der Tasche, das sie ausgeben könnten. In einer Deflationsphase sei es dagegen genau umgekehrt: Verbraucher hielten ihr Geld zurück, weil sie immer noch niedrigere Preise erwarteten.

Das gute Konsumklima in Deutschland wirkt sich auch aus Sicht der Bundesregierung positiv aus. "Aktuell wird das wirtschaftliche Wachstum getragen von einer starken Binnenkonjunktur", sagte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel im Bundestag. Seine Experten rechnen im Jahresdurchschnitt mit einer Teuerungsrate von einem Prozent. Auch für Kevin Gardiner sind die Sorgen vor einer Deflation in Europa weit übertrieben. "Leicht fallende Preise sind nicht schädlich für eine Ökonomie", sagt der Anlagestratege der Privatbank Rothschild. Es sei eine Legende, dass Verbraucher deswegen Käufe aufschieben, man sehe das an der Elektronikindustrie: Die Preise für Computer, Flachbildschirme oder Handys fielen im Vergleich zu den Produkten anderer Branchen auf lange Sicht am stärksten. Apple mache Rekordgewinne, sagt Gardiner, obwohl auch das iPad kontinuierlich preiswerter werde: Der Verbraucher schiebe den Kauf eben nicht auf - obwohl er das nach der reinen Lehre der Deflation doch eigentlich tun müsste.