Börsensegment für Start-ups Rösler will Neuen Markt zurück

Technologie plus Börse: Wirtschaftsminister Rösler verhandelt mit der Deutschen Börse über ein neues Börsensegment für Start-up-Unternehmen. Der Vorschlag wird mit Skepsis aufgenommen - vor allem, weil die Erinnerung an die Internet-Blase die Anleger verschrecken könnte.

Von Thomas Öchsner, Berlin, und Markus Zydra, Frankfurt

Eigentlich ist es eine gute Idee, junge Technologiefirmen schnell und verlässlich mit Kapital zu versorgen. Eigentlich wäre für dieses Zusammenführen von Kapitalgebern und Unternehmern auch die Börse der richtige Platz. Doch bei der Wortkombination "Technologie plus Börse" denken viele Privatanleger sofort an den Neuen Markt: Bei diesem im Jahr 2003 abgeschafften Börsensegment handelt es sich um das Sinnbild der vermaledeiten Internetblase, bei deren Platzen Investoren in Deutschland eine Menge Geld verloren haben.

Nun fordert Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) die Wiedereinführung eines Neuen Marktes, freilich nennt er es nicht so. Er spricht sich für die Schaffung eines "Börsensegmentes für Start-up-Unternehmen" aus, vor allem aus dem Technologiesektor. "Wir sind noch sehr am Anfang", sagte Rösler am Montag der Nachrichtenagentur Reuters, doch trotz der unrühmlichen Geschichte des Neuen Marktes Anfang des Jahrtausends sehe er Chancen für einen Erfolg. "Ich glaube schon, wenn wir das klug machen, dass es dann auch Investoren geben wird", sagte er.

Bei der Deutschen Börse gibt man sich zurückhaltend. Natürlich will man dort keinesfalls den Eindruck erwecken, man plane eine neue Spielwiese für Zocker. Der Name "Neuer Markt" für das nun angedachte Börsensegment sei sowieso tabu, heißt es in Finanzkreisen, wenn es denn überhaupt so weit komme. Die Gespräche zwischen Reto Francioni, dem Chef der Deutschen Börse, und Rösler seien erst am Anfang. Niemand wisse, wie viele Firmen überhaupt Interesse hätten, feststehe nur, dass der Vorlauf mindestens ein Jahr betrage.

Privatsparer hatten sehr viel Geld in den neuen Markt gesteckt

"Die Deutsche Börse sieht die Finanzierung von Wirtschaftswachstum als eine der zentralen Aufgaben der von ihr organisierten Kapitalmärkte", sagte ein Konzernsprecher am Montag. "Neu entstehende Marktsegmente wird die Börse genau beobachten." Es gebe aber mit dem Marktsegment "Entry Standard" schon heute ein Angebot für wachstumsbereite und börsenreife Unternehmen. Fraglich also, ob man ein neues Segment überhaupt brauche. Und wenn ja, dann stehe der Investorenschutz im Mittelpunkt. Dabei werde es keine Kompromisse geben, so die Deutsche Börse.

Dieses Bekenntnis ist mehr als verständlich. Der Neue Markt war in seiner von 1997 bis 2003 währenden Geschichte das Zentrum der New Economy, die mit dem Internet die gesamte Wirtschaft zu revolutionieren versprach. Die Aktienkursexzesse von Unternehmen wie EM.TV, Mobilcom, Comroad, Infomatec oder Kabel New Media beschäftigten ab 2001 Justiz und Insolvenzverwalter gleichermaßen. Viele Privatsparer hatten sehr viel Geld in solche Konzerne gesteckt, angespornt von den seit 1999 exorbitant ansteigenden Aktienkursen. Man konnte damals Tagesgewinne von 20 Prozent und mehr einstreichen, wenn man denn rechtzeitig verkaufte. Am Neuen Markt waren in der Spitze bis zu 300 Unternehmen gelistet, einige haben überlebt, viele sind verschwunden.

"Wenn man sich die Szene heute ansieht, also unsere digitalen Unternehmen, gerade die jungen Start-ups, dann weiß man, anders als noch 2000 haben jetzt fast alle Unternehmen durchweg eine gute Substanz", sagte Rösler, der sich wünscht, dass der nächste Technologiekonzern in einer deutschen Stadt gegründet wird und dafür auch genug Kapital erhält.

Bisher kommt das Geld für deutsche Start-ups überwiegend aus dem Ausland

Anders als zu Zeiten des Neuen Marktes sollen mit dem neuen Börsensegment vor allem Profi-Investoren angesprochen werden. Junge, neu gegründete Firmen haben "Schwierigkeiten Wachstumskapital zu erhalten", es gehe dabei um Beträge von "zehn, 20 und durchaus auch mal 50 Millionen Euro", sagt Florian Nöll, Vorstand beim Bundesverband Deutsche Start-ups in Berlin. Das Geld komme überwiegend aus dem Ausland, vor allem aus den USA. "Es gibt zu wenige deutsche Investoren", sagt Nöll. In den USA dürften Pensionsfonds und Lebensversicherer in Venture Capital Fonds investieren, deutsche Versicherer hätten da mehr Probleme wegen der restriktiven Anlagerichtlinien.

Generell fehle Investoren die Möglichkeit, auszusteigen und Kasse zu machen. Für sie stelle sich in der frühen Phase immer die Frage, "wie erziele ich meine Rendite, wie kann ich meine Anteile wieder abgeben", meint Nöll. Im Moment sei es "extrem schwierig, solche Anteile zu veräußern", weil der Ausstieg über den Verkauf von Aktien nach einem Börsengang fehle. Laut Recherchen des Bundesverbands gibt es allein in der digitalen Wirtschaft bis zu 20 Unternehmen, die für einen Börsengang geeignet seien und die nötige Größe und Marktposition mitbringen würden.

Die Grünen geben einer Wiederbelebung des Neuen Marktes an der Börse keine großen Chancen. "Da bin ich relativ skeptisch", sagte Spitzenkandidat Jürgen Trittin am Montag in Berlin. Heute seien kapitalkräftige Unternehmen wie Google oder Microsoft beherrschend, die teils eine monopolähnliche Stellung hätten. Ein nostalgisches Zurück zur "Garagenmentalität und Aufbruchmentalität" sei zweifelhaft.